Dans la maison (2012)

In ihrem Haus

Dans la maison (2012) In ihrem Haus

Oder: A suivre...

Umfassender Nachhilfeunterricht

Umfassender Nachhilfeunterricht

Germain (Fabrice Luchini) ist Französischlehrer an einem Gymnasium, das im Rahmen eines Pilotversuches wieder Schuluniformen einführt. Die Aufsätze der Schüler werden so allerdings auch nicht besser. Doch gerade als sich Germain bei seiner Frau Jeanne (Kristin Scott Thomas) wiedermal über die bedenkliche Bildung der Jugend echauffiert, stösst er auf einen Essay des 16-jährigen Claude (Ernst Umhauer). Dieser beschreibt darin, wie er sich ins Haus eines Mitschülers einschleicht, dessen Familienleben beobachtet und insbesondere von der Dame des Hauses (Emmanuelle Seigner) angetan ist. Der Aufsatz endet mit "A suivre" - "Fortsetzung folgt".

"Ich sehe was, was du auch siehst."

"Ich sehe was, was du auch siehst."

Und die Fortsetzung lässt tatsächlich nicht lange auf sich warten: Als Germain den Schüler nach der Lektion zur Rede stellt, gibt ihm dieser bereits die neuen Seiten seiner Geschichte. Sie zieht den Lehrer in ihren Bann, so dass er den offensichtlich talentierten Claude zum Weiterschreiben ermuntert und ihm nach der Schule regelmässig "Privat-Nachhilfe" gibt. Als aber die Geschichte seines literarischen Zöglings immer gewagter wird und sich Realität und Fiktion zu vermischen beginnen, verliert Germain zusehends die Kontrolle über die Situation.


Film-Rating

Ein bisschen altmodisch mutet Dans la maison ja schon an - und dies nicht nur der Schuluniformen wegen, bei denen man sich fragt, wieso sie genau als Storyelement in den Film eingefügt wurden; wirklich eine Rolle spielt dieser zu Beginn eingefügte Handlungsstrang nämlich nicht. Altmodisch scheint auch, dass Schulaufsätze offenbar auch heute, in Zeiten von Handy und Internet, konsequent von Hand geschrieben werden. Aber möglicherweise ist das Absicht. Denn auf diese Weise hat der Film etwas Zeitloses und könnte genauso gut vor 50 Jahren spielen.

François Ozon, Meister der elegant-gepflegten französischen Kinounterhaltung, präsentiert mit seinem neuen Film, der lose auf dem Theaterstück "El chico de la última fila" von Juan Mayorga beruht, einen intelligenten und doppelbödigen Thriller, der gekonnt zwei Ebenen miteinander verquirlt: die "fiktionale", die auf den Aufsätzen von Claude beruht, und die "reale", die erzählt, wie sich der Lehrer und vermeintliche Mentor Germain immer mehr in den Erzählungen seines undurchschaubaren Schülers verstrickt.

Gespielt ist dies alles wunderbar. Fabrice Luchini gibt einen herrlich verknöcherten Franzlehrer, der aufblüht, als er in Claude das Talent zu erkennen glaubt, das ihm selbst abgeht. Der junge Ernst Umhauer seinerseits gibt seinem Schüler eine geheimnisvolle und leicht spöttische Aura. Von den weiblichen Darstellerinnen glänzt insbesondere Kristin Scott Thomas als intellektuelle, gelangweilte und sexuell vernachlässigte Galeristin. Der Nebenplot um die Eröffnung ihrer neuen Ausstellung mit allerlei seltsamen Exponaten (beispielsweise Hitler oder Stalin als "Gummisusis") ist eine amüsante, wenn auch etwas belanglose Parodie auf den Kunstbetrieb.

Ebenfalls als eine Art Parodie könnte man das idyllische Familienleben der Familie Artole begreifen, in deren Alltag sich Claude einschleicht. Die Figuren sind stark überzeichnet: sei es Emmanuelle Seigners frustriertes Heimchen am Herd, das zugunsten der Familie seine Berufskarriere aufgegeben hat; sei es Denis Ménochet als knuffiger Daddy, der mit seinem Sohn Basketball spielt und auch sonst ein ganz Gmögiger ist. Eine Abziehfamilie, wie sie im Buche steht... - doch halt: aus genau diesem Buche, nämlich Claudes Fortsetzungsroman, kennen wir ja die Figuren. Praktisch alle Szenen mit der Familie werden eben erst durch die via Voice-over wiedergegebene Geschichte lebendig. Was wiederum die Frage aufwirft, ob sie tatsächlich so sind, wie sie beschrieben werden.

Und genau darin liegt der Reiz von Dans la Maison: Man weiss nie genau, woran man ist. Was ist Teil der erfundenen Geschichte, was ist real? Der bedauernswerte Protagonist Germain ist nicht der einzige, der hier zunehmend die Übersicht verliert - den Zuschauern geht es gleich. Aber das macht nichts: Von François Ozon lässt man sich gerne an der Nase herumführen.


OutNow.CH:

Bewertung: 4.5

 

02.10.2012 / ebe

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