Bella addormentata (2012)

Bella addormentata (2012)

Oder: Leben und sterben lassen

"Da hast du ja schön was am Hals..."

"Da hast du ja schön was am Hals..."

Im Februar 2009 spaltet die Wachkoma-Patientin Eluana Englaro ganz Italien: Ihr Vater will, dass sie in Würde sterben kann, während katholisch-konservative Kreise erbittert dagegen ankämpfen und die Sterbehilfe als Mord bezeichnen. Um Eluanas Tod zu verhindern, debattiert der italienische Senat in Rom im Schnellverfahren über eine Gesetzesanpassung. Doch die Zeit drängt, denn Eluanas Vater hat nun alle juristischen Hürden überwunden.

Händchenhalten mal anders

Händchenhalten mal anders

Uliano Beffardi (Toni Servillo) ist einer der Senatsabgeordneten. Seine Partei macht Druck, der Vorlage zuzustimmen. Doch diese geht gegen seine tiefste Überzeugung. Tochter Maria (Alba Rohrwacher) ist gegenteiliger Ansicht. Mit ihren Kolleginnen geht sie nach Udine, wo Eluana Englaro im Spital liegt, und demonstriert gegen die Sterbehilfe. Dort lernt sie Roberto (Michele Riondino) kennen, dessen unberechenbarer Bruder auf der anderen Seite kämpft.

Die Debatte geht auch einer berühmten Schauspielerin (Isabelle Huppert) nahe - denn ihre eigene Tochter liegt ebenfalls im Wachkoma. Derweilen versucht der junge Dr. Pallido (Gian Marco Tognazzi), eine suizidäre Drogensüchtige (Maya Sansa) von dem Vorhaben abzubringen, ihrem Leben ein Ende zu setzen.


Film-Rating

Der "Fall Eluana", der in diesem episodenhaft aufgebauten Film als Hintergrundgeschichte dient, war Anfang 2009 in Italien ein heiss und emotional diskutiertes Thema. Und er scheint auch heute noch im kollektiven Gedächtnis unseres Nachbarlandes verankert zu sein - zumindest sorgte Bella addormentata bereits im Vorfeld seiner Premiere am Filmfestival Venedig 2012 für Gesprächsstoff, und am Premierentag demonstrierten katholische Aktivisten gegen den Film von Marco Bellocchio.

Man fragt sich freilich, wieso. Denn eine klare Position bezieht der Streifen nicht. Stattdessen will er - so zumindest die Intention - anhand des emotionalen Themas der Sterbehilfe grundsätzliche Fragen zu Leben und Tod aufwerfen. Leider gelingt ihm dieses Unterfangen nicht, obwohl er gleich mehrere zwischen Leben und Tod schwebende Figuren in die Handlung einbaut. Sie sind allerdings nicht das Hauptproblem. Dieses ist vielmehr in den lebenden Figuren zu suchen, die - Ironie! - eben nicht gerade sehr lebensecht wirken.

Alba Rohrwachers junge Frau, die gegen die Sterbehilfe singt und betet, nur um dann mit dem erstbesten Typen ins Bett zu hüpfen, kann man dabei noch durchgehen lassen, wenn man im Verlaufe des Filmes ihre Handlungsmotive zu verstehen beginnt. Bedeutend seltsamer ist da schon das Verhalten von Gian Marco Tognazzi als Doktor, der anscheinend unendlich viel Freizeit hat, in der er wiederum nichts Besseres zu tun hat, als eine x-beliebige Junkie-Frau vor dem Freitod zu bewahren.

Den Vogel schiesst allerdings - leider - der Charakter von Isabelle Huppert ab. Erst ungefähr in der Hälfte des Filmes wird unvermittelt eine neue Episode mit ihr im Mittelpunkt angerissen, die fortan die anderen Episoden an den Rand drängt und in ihrer aufgesetzten Art überhaupt nicht zu gefallen mag. Am überzeugendsten ist da noch die Episode mit Toni Servillo als Kongressabgeordneter im Gewissenskonflikt. Doch auch diese ist nicht ohne Makel, ist doch die Hintergrundgeschichte, die die Motivation für sein Handeln erklären soll, ziemlich hölzern.

Unruhig inszeniert und seltsam geschnitten, macht es Bella addormentata dem Zuschauer schwierig, für die Figuren Empathie zu empfinden, geschweige denn, über die grossen Fragen des Lebens nachzudenken. In dieser Hinsicht ähnelt der Film Marco Bellocchios Vorgängerwerk Vincere, das ähnlich unausgereift wirkte. In Italien dürfte der Film dank des beachtlichen Aufgebotes an bekannten Schauspielern und des dortzulande skandalumwitterten Themas gut funktionieren. Ausserhalb, wo Eluana höchstens eine Randnotiz in den Zeitungen war, ist er dagegen wohl schnell wieder vergessen.


OutNow.CH:

Bewertung: 2.5

 

07.09.2012 / ebe

Community:

Bewertung: 2.3 (2 Bewertungen)

 

 

» Deine Wertung?

Kommentare:

1 Kommentar