Años de calle (2012)

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  2. 74 Minuten

Filmkritik: Kein Leben auf dem Ponyhof

"Ich seh' nicht mehr klar!"
"Ich seh' nicht mehr klar!" © Studio / Produzent

Das Leben auf den Strassen von Buenos Aires ist hart. Die vier Protagonisten werden in drei verschiedenen Lebensabschnitten mit der Kamera begleitet. Momente ihrer Kindheit, Jugend und dem Erwachsensein zeigen, wie vorausbestimmt ihre Zukunft von Beginn an war. Als Kind noch fröhlich, jedoch bereits hoffnungslos und zynisch, ergeben sie sich einem Leben, das sie von Anfang an vermeiden wollten und selbst als nicht lebenswert ansehen.

Da ist die 14-jährige Gachi, die sich mit Jungenkleidern von den Gefahren auf der Strasse schützen möchte und Angst hat, von ihrem Freund schwanger zu werden. Andrés ist erst 13, doch er sieht das Leben bereits in Schwarz und Weiss: Entweder du bist der Dieb oder der Polizist, und einer erschiesst den anderen. Ismael weiss nicht, was es über sein Leben zu sagen gäbe, und drückt seine Empfindungen lieber in Fotografien aus. Und Rubén sieht seine Mutter alle drei Monate auf dem Weg zu ihrem Arztbesuch. Sie hat ihren Sohn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen.

Alejandra Grinschpun, die Regisseurin von Años de Calle, lernte die Protagonisten ihrer Doku bereits 1999 durch einen Fotografie-Workshop kennen, den sie für die Strassenkinder leitete. Deren Schicksal liess sie nicht mehr los. So beschloss sie 2004, die Geschichten der Kinder, die inzwischen zu Jugendlichen herangewachsen waren, wieder aufzugreifen. Dies tat sie zusammen mit Laureano Ladislao Gutiérrez, mit dem sie im Kinder- und Jugendzentrum C.A.I.N.A. arbeitete.

Kinder, die völlig alleine und teils verwahrlost auf der Strasse oder in leerstehenden Zugbahnhöfen wohnen, gehören zum Alltag in Buenos Aires. Kaum einer macht sich Gedanken darüber, dass das nicht sein darf. Das wollte Grinschpun mit ihrem stillen Dokumentarfilm ändern. Sie zwingt die Zuschauer, genauer hinzuschauen, und rückt die Menschen hinter den tragischen Schicksalen in ihr Blickfeld.

Collageartig verarbeiten die Filmemacher die sehr intimen Begegnungen mit den Kindern, die sie aufwachsen und scheitern sehen. Alltagsszenen und Gespräche mit den Protagonisten in den Jahren 1999, 2004 und 2010 fügen die Geschichten zusammen. Die Nahaufnahmen dieser persönlichen Schicksalsporträts zeigen die schiere Unmöglichkeit, sich aus dieser Lebenslage zu befreien. Symbolisch dafür beginnt und endet der Film mit einer stummen Szene, in der nur die Bilder zählen. Denn eine hörbare Stimme haben die Kinder nicht - weshalb Menschen oftmals einfach wegschauen. Dass die Kritik am System nur wortlos kommuniziert wird, mag eine Stärke des Filmes sein. Zugleich wäre ein Anhaltspunkt darüber interessant gewesen, wie denn den Obdachlosen zu helfen ist, und wieso jeder wegschaut.

Fazit: Años de Calle zeigt ein sehr realistisches und daher auch pessimistisches Bild von der Situation der Obdachlosen in Buenos Aires. Mit den aufrüttelnden Aufnahmen und Fotografien von der harten Realität des Strassenlebens Argentiniens wirkt der Dokumentarfilm wie ein stiller Hilfeschrei. In den Gesprächen wird nichts beschönigt. Die Protagonisten sprechen mit bemerkenswerter Offenheit und zunehmendem Vertrauen zu den Produzenten. So eröffnet sich dem Zuschauer eine neue Perspektive, die passives Beobachten kaum mehr zulässt.

/ stb