Les adieux à la reine (2012)

Les adieux à la reine (2012)

Leb wohl, meine Königin!
  1. ,
  2. ,
  3. 100 Minuten

Filmkritik: Mit wenig Prunk und viel Wahrheit

Ein Traum in Grün
Ein Traum in Grün © Studio / Produzent

Die junge Sidonie Laborde (Léa Seydoux) arbeitet als Bedienstete am Hof von König Ludwig XVI. Sie ist stolz auf ihre Arbeit als Vorleserin von Marie-Antoinette (Diane Kruger), auch wenn ihre Arbeitstage lang sind und sie ärmlichen, schmutzigen Verhältnissen leben muss. Täglich schafft sie es in die Nähe der Königin, die sie bewundert und verehrt.

Ready für den Kostümball
Ready für den Kostümball © Studio / Produzent

Als im Sommer 1789 das Volk aufzubegehren beginnt, macht sich auf dem Versailler Schloss Unruhe breit. Während unter den Bediensteten Verwirrung und Aufregung herrscht, beginnt Marie-Antoinette, ihre Flucht zu planen. Aus Sorge, dass ihr diese misslingen könnte, greift sie für einen Trick auf Sidonie zurück. In den Kleidern der Königin soll diese das Schloss in der königlichen Kutsche verlassen. Währenddessen plant Marie-Antoinette, unerkannt vom Hof zu fliehen. Sidonie zeigt sich zunächst sehr geehrt ob des Dienstes, den sie ihrer geliebten Königin erweisen kann. Ihr wird jedoch schnell bewusst, dass sie nur als Spielzeug der Herrscherin benutzt wird und keinerlei Zuneigung mehr erfahren wird.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Chantal Thomas schildert der französische Autorenfimer Benoît Jacquot (Sade) aus der Sicht der Dienerschaft des Versailler Hofes den Beginn der Französischen Revolution. Ganz im Gegensatz zum Roman, in dem Sidonie aus dem Rückblick erzählt, muss der Zuschauer hier sein Grundwissen ob der historischen Geschehnisse einbringen. Man befindet sich quasi sofort mittendrin, denn immerhin konzentriert sich der Film nur auf den Beginn der Revolution, ihre ersten drei Tage.

Entgegen der üblichen Aufbereitung der Thematik bleiben einem hierbei die üblichen Szenarien erspart. Es fliesst kein Blut, es gibt keine Kämpfe, stattdessen erleben wir alles aus dem Blickwinkel der Bediensteten. Der Beginn der Revolution ist hier ein langsamer, wie ein Gerücht verbreitet er sich unter den Bediensteten, und erst am langsamen Verschwinden der Edelleute vom Hofe fällt auf, dass tatsächlich etwas passiert sein muss. Das ist einmal eine wunderbar neue Perspektive, sich dem Thema zu widmen, denn es steht nicht nur Prunk und Glanz im Vordergrund.

So wie die gesamte Belegschaft des Hofes alsbald in Aufruhr ist, so ist es auch die Kamera. Kaum eine Szene ist in Ruhe. Es wackelt und ruckelt, wenn Sidonie durch die Gänge eilt. So wird eine nervöse Atmosphäre geschaffen, doch mag sich die gehetzte Stimmung trotzdem nicht ganz auf den Zuschauer übertragen. Gerne hätte man mehr Erzählfluss gehabt, mehr Zeichnung der Charaktere, die bis auf Sidonie seltsam unnahbar und leer erscheinen. Einzig bei ihr hat der Zuschauer das Gefühl zu verstehen, mit ihr zu denken und zu fühlen.

Les adieux à la reine gibt einen kurzen Einblick in ein Stück Geschichte, das deutliche Parallelen zur Gegenwart aufweist. Man kann ihn als Metapher für die Blindheit von Macht und Ruhm sehen und sich nach dem Film seine eigenen Gedanken zu möglichen Parallelen des Weltgeschehens machen. Zudem ist er ein solider Kostümfilm, der aus einer neuen Perspektive erzählt wird. Wünschenswert wäre es jedoch gewesen, einen grösseren Spannungsbogen zu ziehen und den Figuren, mit Ausnahme der Vorleserin, mehr Tiefe zu verleihen.

Julia Stache [jst]

Julia ist seit 2007 Freelancerin bei OutNow und kommt aus Berlin. Seit 2002 ist sie regelmässig bei der Berlinale dabei. In Jane-Austen-Filmen kann sie träumen und mitleiden. Sehr angetan haben es ihr Thriller, Christian Bale und James McAvoy.

  1. Artikel
  2. Profil

Kommentare Total: 2

Granunaile

In der Zusammenfassung lesen wir: "In den Kleidern der Königin soll diese [die Vorleserin Sidonie Laborde] das Schloss in der königlichen Kutsche verlassen." Das stimmt so nicht: Die Königin Marie Antoinette fordert Sidonie auf, zusammen mit Gabrielle de Polignac (einer Freundin der Königin) und deren Ehemann in der Kutsche in die Schweiz zu fahren - Sidonie in den feinen Kleidern der Gabrielle; Gabrielle und ihr Ehemann in Kleidern von Bediensteten. Sollte die Kutsche von Revolutionären überfallen werden, so würde Sidonie als vermeintliche Gabrielle getötet oder gefangen genommen werden.
Im Ergebnis bleibt es aber dabei: Sidonie Laborde wird als Köder missbraucht, um die Revolutionstruppen von einer feinen Dame abzulenken.

jst

Filmkritik: Mit wenig Prunk und viel Wahrheit

Kommentar schreiben