Der Verdingbub (2011)

Der Verdingbub (2011)

Oder: Früher war nicht alles besser

"Entweder Manhatten oder nöd."

"Entweder Manhatten oder nöd."

Die Schweiz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Max (Max Hubacher) lebt zusammen mit vielen anderen Kindern in einem Waisenhaus. Ab und zu werden vereinzelte, elternlose Kinder an Bauern verdingt, wo sie hart arbeiten müssen, aber dafür ein Dach über den Kopf sowie neue fürsorgliche Eltern bekommen. Mit letzterem nimmt es die Familie Bösinger aber nicht so genau. Trotzdem wird Max zu ihr auf die Dunkelmatt verdingt und schuftet hart, ohne jedoch die Liebe zu erhalten, die er sich erhofft hat.

Die ersten Gehversuche des Bobsports.

Die ersten Gehversuche des Bobsports.

Eines Tages stösst ein weiteres Kind hinzu: Die junge Berteli (Lisa Brand) wurde zusammen mit ihren zwei Schwestern der Mutter entrissen, da diese keinen Ehemann hatte. Obwohl Max und Berteli zuerst wenig miteinander anfangen können, schweisst ihr hartes Schicksal sie zusammen. Entfliehen können sie diesem nur durch den Gang zur Schule und Max' Handorgelspiel. Als die neue Lehrerin im Dorf das musikalische Talent von Max erkennt, will sie, dass er am Schwingfest für das Dorf spielt. Für kurze Zeit scheint es für Max und Berteli aufwärts zu gehen. Doch der nächste Schicksalsschlag kündigt sich bereits an...


Film-Rating

Es ist ein trauriges Schicksal, welches viele Jungen und Mädchen zwischen 1800 und 1960 erleiden mussten: Meistens Waisen- und Scheidungskinder, wurden sie den Verwandten weggenommen und von den Behörden auf einem Verdingmarkt versteigert. Den Zuspruch bekam dann jene Familie, die am wenigsten Kostgeld verlangte. Mit diesem System ist natürlich klar, dass es diesen Kindern danach nicht wirklich gut ging. Die Versteigerung wurde zwar zu Beginn des 20. Jahrhunderts verboten, aber die Praxis des Verdingens blieb. Regisseur Markus Imboden rollt nun dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte nochmals auf und hat damit schlichtweg den packendsten Schweizer Film seit langem inszeniert.

Vor allem dramaturgisch macht Imboden vieles richtig. Er setzt den Zuschauer einem Wechselbad der Gefühle aus, und indem er immer nah bei seinen Protagonisten bleibt, ist dies beinahe unangenehm fühlbar. Hoffnung kommt auf, wird dann aber wieder von der harten Realität zerschlagen. Leicht hätte es passieren können, dass er hier mit Übertreibung über das Ziel hinaugeschossen hätte. Doch auch weil Imboden die vermeintlich böse Familie nicht einfach zur Teufelssippe macht, geschieht dies nicht. Einzig der Sohn der Familie, Jakob, gespielt von Maximilian Simonischek, vereint etwas zu viele Klischees auf sich, wie übrigens auch die überidealistische Lehrerin, die aber trotzdem von Miriam Stein überzeugend verkörpert wird. Allgemein sind die schauspielerischen Leistungen von hoher Qualität. Mit Theaterschauspiel, wie es vielen Schweizer Filmen vorgeworfen wird, hat dies nicht mehr viel zu tun.

Um den Film auch in Deutschland zu verkaufen, wurde für die Rolle der Mutter Katja Riemann engagiert. Da diese aber nicht gerade sattelfest im Schweizerdeutsch ist, mussten ihre Passagen nachsynchronisiert werden. Obwohl man sich dabei Mühe gegeben hat, passt es einfach nicht. Alleine mit der Körpersprache holt Riemann noch einiges aus ihrer Figur heraus, doch es wäre besser gewesen, eine Einheimische für den Part zu verpflichten.

Optisch orientiert sich Der Verdingbub an den letzten grossen Schweizer Filmen. Ähnlich wie bei Cargo, Sennentuntschi oder One Way Trip 3D ist hier vieles düster gehalten. Hier konnte sich Imboden ganz auf die Künste eines Peter von Haller verlassen, der schon für die Kameraarbeit bei Anatomie und Silentium verantwortlich war. Er weiss genau, wie er dieses Auf und Ab der Gefühle einfangen muss, und auch dank ihm bleibt das Werk über die ganze Spielzeit beklemmend.

Fazit: Der Verdingbub ist ein starkes Stück Schweizer Kino, der von der Thematik her sicher nicht einfach ist. Doch trotzdem ist ihm ein Erfolg zu gönnen, denn Vergangenheitsbewältigung ist selten angenehm, dafür aber wichtig. Das Schauspiel ist auf einem hohen Niveau, wie auch die Optik. Einzig der Schluss ist nicht mehr ganz auf dem gleichen Level, doch dies kann man diesem tollen Film verzeihen. Und wehe dem, der danach behauptet, dass früher alles besser gewesen sei.


OutNow.CH:

Bewertung: 5.0

 

07.10.2011 / crs

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