Tyrannosaur (2011)

Tyrannosaur (2011)

Tyrannosaur - Eine Liebesgeschichte
  1. 92 Minuten

Filmkritik: Trampeltiere und ihre Opfer

"Ich schau doch gar nicht zu tief ins Glas."
"Ich schau doch gar nicht zu tief ins Glas."

Eines Abends in einem Pub in Leeds, England: Joseph (Peter Mullan) hat soeben wegen einer Wette eine wüste verbale Auseinandersetzung gehabt. Als er aus dem Pub kommt, lässt er seine Wut an seinem Hund aus und tritt ihm ein paarmal in die Rippen. Dies ist zu viel für das arme Tier, sodass Joseph es am nächsten Morgen im Garten begraben muss. Voller Selbsthass versucht er, Trost in der nächsten Bar zu suchen. Doch die Jugendlichen am dortigen Billardtisch beginnen ihn schon nach kürzester Zeit zu nerven. Kurz bevor er ihnen etwas Schlimmes antut, läuft er ins Freie und sucht danach Zuflucht in dem kleinen Kleiderladen von Hannah (Olivia Colman).

"Ufpasse, Bürschli"
"Ufpasse, Bürschli"

Doch anstatt sich von der Besitzerin des Ladens helfen zu lassen, hat er für sie nur ein "Fuck off!" übrig. Doch der Gutmensch Hannah will nicht aufgeben und beginnt daraufhin, für Joseph zu beten. Dabei bräuchte Hannah ebenfalls jemanden, der für sie betet. Ihr Ehemann James (Eddie Marsan) schlägt und erniedrigt sie immer wieder aufs Neue. Nur noch in ihrem Laden kann sie sich davon erholen. Aus der Bekanntschaft zwischen Joseph und Hannah wird eine Freundschaft. Doch das Schicksal schlägt bald wieder zu.

"Ein Film, der weh tut" - so werden von Kritikern gerne nicht nur abgrundtief schlechte Komödien bezeichnet, sondern auch oft Dramen, in denen die Geschehnisse dem Zuschauer so richtig aufs Gemüt schlagen. Viel zu oft bleibt es jedoch nur bei solchen Versprechungen. Bei Paddy Considines Langfilmdebüt Tyrannosaur ist dieser Satz aber hundertprozentig zutreffend. Viel mehr noch muss dies als Warnung für ein zartbesaitetes Publikum gelten. Das Sozialdrama ist harte Kost, welches aber verdammt stark inszeniert und gespielt ist.

Gut möglich, dass schon bei der ersten Szene, in der ein Hund getötet wird, die einen Zuschauer das Weite suchen werden. Dies wäre aber schade, denn nachdem Considine seine Hauptfigur Joseph zu Beginn nicht gerade mit viel Sympathiepunkten gesegnet hat, schafft er es danach, das Bild eines zutiefst verbitterten Mannes zu zeichnen. Dieser scheint immer mehr zu verlieren und versucht verzweifelt, die Leere in seinem Leben mit anderen Dingen zu füllen. Seine einzige Hoffnung scheint für ihn die ebenfalls vom Schicksal gebeutelte Hannah zu sein. Auch bei ihr ist Consdine nicht gerade zurückhaltend in der Erzählung. Es sind vor allem die Szenen, in welchen häusliche Gewalt zu sehen ist, die dem Zuschauer vieles abverlangen. Zwischendurch schiesst Considine dabei auch etwas über das Ziel hinaus. Den Effekt schmälert dies zwar nicht, aber weniger wäre mehr gewesen.

Woher der Titel Tyrannosaur kommt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden, doch der deutsche Untertitel "Eine Liebesgeschichte" ist mal nicht so dümmlich gewählt wie bei anderen Produktionen. Im Grunde wird hier eine Liebesgeschichte erzählt, die ganz ohne Kitsch funktioniert und deshalb umso glaubwürdiger wirkt. Considine erweist sich dabei als genauer Beobachter menschlicher Gefühle, der nichts beschönigt und für seine Leistung zurecht Preise am Sundance und bei den BAFTAs holte.

Bedanken kann er sich auch bei seinen beiden Hauptdarstellern Peter Mullan und Olivia Colman, die ihre Parts einfach sensationell spielen. Das Leiden, die Verzweiflung, die Gefühlskälte - die beiden machen den Schmerz so fühlbar, dass es unangenehm ist. Doch das Ganze ist nicht immer so deprimierend, wie es sich nun anhört. Ein wenig Hoffnung geben zwischendurch die Nebenfiguren wie Josephs Kumpel Tommy und der Nachbarsjunge Sam, die zwar ebenfalls kein leichtes Leben haben, aber mit ihrer einfachen Lebenssicht für Auflockerung sorgen.

Fazit: Tyrannosaur ist kurz nach dem Schweizer Kinostart von We need to talk about Kevin ein weiterer Film, der mächtig aufs Gemüt schlägt. Paddy Considine zeigt eine kaputte Welt und zwei Opfer davon, die irgendwie versuchen, sich über Wasser zu halten. Dies ist absolut meisterhaft gespielt und inszeniert, so dass ein Werk entsteht, welches zu den besten britischen Filmen der letzten Jahre gehört - wohl auch deswegen, weil es weh tut.

/ crs

Trailer Englisch, mit deutschen Untertitel, 01:57