Turn Me On, Dammit! - Få meg på, for faen (2011)

Turn Me On, Dammit! - Få meg på, for faen (2011)

Mach' mich an, verdammt nochmal!
  1. 76 Minuten

Filmkritik: Liebesgrüsse aus der Unterhose

Voll in die Hose gegangen!
Voll in die Hose gegangen! © Studio / Produzent

Die 15-jährige Alma (Helene Bergsholm) spürt den Frühling - allerdings nur im übertragenen Sinne, denn ansonsten bietet das abgelegene norwegische Kaff, in dem sie mit ihrer Mutter wohnt, wenig Frühlingshaftes. Da sie keine andere Möglichkeit sieht, ihre aufkeimende sexuelle Lust zu befriedigen, kann es schon vorkommen, dass sie mit Muttis Telefon eine Telefonsex-Hotline anruft, anstatt ihre Hausaufgaben zu machen. Ansonsten langweilt sie sich zusammen mit ihrer besten Freundin Sara (Malin Bjorhovde), die ihrerseits nichts mehr will, als das verhasste Kaff baldmöglichst zu verlassen.

Norske Stinkefingeren
Norske Stinkefingeren © Studio / Produzent

Das eintönige Teenagerleben nimmt eine brüske Wende, als Alma eines Abends am Rande einer Party mit ihrem heimlichen Schwarm Artur (Matias Myren) eine Begegnung der peinlichen Art hat. Als sie ihren Freundinnen davon erzählt, glauben ihr diese nicht und bezichtigen sie der Lüge. Damit wird Alma in ihrer Schule zur Aussenseiterin und muss schmerzlich erfahren, was es heisst, ausgestossen zu sein. Während ihre Mutter keine Ahnung hat, was abgeht und schockiert ist über die exorbitante Telefonrechnung, hält wenigstens Freundin Sara noch zu ihr.

Der Titel ist bereits ein erster Hingucker und verrät, worum es in dem Film von Jannicke Systad Jacobsen primär geht: Sex. Anders als in unzähligen Teeniekomödien wie American Pie sind hier nicht notgeile junge Männer die Hauptfiguren. Jacobsen dreht den Spiess um und setzt eine nicht minder notgeile junge Frau als Protagonistin ein, die sich so verhält, wie man(n) es von ihren Geschlechtsgenossinnen nicht unbedingt erwarten würde. Dabei stellt sich allerdings die Frage, ob es in Norwegen tatsächlich Telefonsex-Hotlines für Frauen gibt, in denen am anderen Ende der Leitung ein Mann mit expliziter und vulgärer Sprache seiner Gesprächspartnerin das Blaue vom Himmel stöhnt.

Auch die eigentliche Schlüsselszene des Films wirkt etwas gesucht. Almas peinliche Begegnung mit Artur besteht nämlich darin, dass sie dieser mit seinem erigierten Penis in die Hüfte stupst. Das fragliche Körperteil ist übrigens auch tatsächlich zu sehen, in flagranti sozusagen. Wäre der Film ein amerikanisches Produkt, würde dies natürlich sofort die Zensoren auf den Plan rufen. Aber wir sind ja glücklicherweise in Europa, und da sich fortan alles um diese Szene dreht, ist es auch folgerichtig, dass gezeigt wird, was gezeigt werden muss. Dennoch erschrickt man als Hollywoodzensur-gewöhnter Zuschauer beinahe ob dieser skandinavischen Offenherzigkeit.

Die Realitätsnähe einiger Szenen darf jedenfalls durchaus angezweifelt werden. Doch gerade der Perspektivenwechsel macht den Film zu einer erfrischenden, originellen Teenagertragikomödie und Coming-of-Age-Story der etwas anderen Art. Hauptdarstellerin Helene Bergsholm spielt ihre Figur mit einer Mischung zwischen Verkniffenheit und Verletzlichkeit, die durchaus als typisch teenager-like durchgeht. Und auch der Nebenplot um ihre stille Freundin Sara, die heimlich Briefe an amerikanische Häftlinge in der Todeszelle schreibt, ist sympathisch. Dazu kommt ein Soundtrack, der eine Auswahl kontemporärer norwegischer Rockmusik bietet (die Kings of Convenience sind hier wohl die bekanntesten Vertreter) und so beste Werbung fürs dortige Musikschaffen macht.

Zwischendurch droht der Film etwas ins Überdrehte zu kippen, beispielsweise, wenn wiedermal eine von Almas Sexfantasien gezeigt wird. Doch insgesamt ist Turn me on, Goddammit ein charmantes, humorvolles und dennoch berührendes Aussenseiterin-Porträt, kurz, sympathisch und frei von jeglicher Rührseligkeit. Und für findige Geldmacher möglicherweise eine Quelle der Inspiration: Telefonsex-Hotlines für einsame Tenniegirls vom Lande - ein vielversprechendes neues Geschäftsmodell?

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Trailer Originalversion, mit deutschen Untertitel, 01:48