Le tableau (2011)

Le tableau (2011)

  1. 76 Minuten

Filmkritik: Der Künstler hat das Gebäude verlassen.

Warte kurz, ich suche ein paar Klamotten für dich.
Warte kurz, ich suche ein paar Klamotten für dich. © Studio / Produzent

In einem Gemälde eines Schlosses herrscht Unruhe zwischen den drei Kasten seiner gemalten Figuren: Die Toupins halten sich für schlicht perfekt und weit über den anderen stehend, weil der Künstler nur sie vollständig gemalt und mit farbigen Kostümen versehen hat. Vom grossen Chandelier aufgestachelt, schliessen die Toupins deshalb alle anderen Figuren des Gemäldes aus ihrem Schloss aus. Dies gefällt weder den Pafinis, bei denen einzelne Stellen nicht fertig gemalt wurden, noch den Reufs, die nur Skizzenfiguren sind.

Ramo und Claire trifft dieser Zwist besonders hart: Er ist ein Toupin, sie eine Pafini. Als sich die Liebenden treffen wollen, wird Ramo von einer Gruppe Toupins verfolgt. Auf der Flucht gerät er mit Claires Pafini-Freundin Lola und dem Reuf Plume in den düsteren Wald. Dort beschliessen die drei, auf die Suche nach dem Maler zu gehen. Prompt finden sie den Weg aus dem Bild und beginnen, im Atelier des Malers weitere Gemälde zu erkunden. Dabei beschäftigt sie vor allem eines: Wo ist der Maler, und wieso hat er seine Figuren nicht fertig gemalt?

Der vielleicht etwas trocken betitelte Animationsfilm Le Tableau nähert sich dem Thema Kunst in doppelter Weise. Am auffälligsten ist wohl das Spiel mit der Farben- und Formenvielfalt von Gemälden, die eine Fülle von Details und Figuren enthalten und damit jeweils eine ganz eigene kleine Kunst-Welt eröffnen. Regisseur Jean-François Laguionies lässt das Publikum mit den gemalten Figuren in diese anderen Bild-Welten eintauchen; besonders mit der Kombination von Farben und spielerischer bis dramatischer Musik wird die künstlerische Vielfalt virtuos in Szene gesetzt.

Le Tableau thematisiert jedoch auch den Schaffensprozess an sich, indem die Figuren über ihren eigenen Status als erfundene Werke eines künstlerischen Schöpfers sinnieren. Untrennbar verbunden mit der allmächtigen Figur des Malers - Vergleiche mit einem göttlichen Wesen sind hier unverkennbar - sind Fragen zur eigenen Herkunft, der Möglichkeit von Selbstbestimmung und überhaupt nach dem Sinn des Lebens dieser Kunstgeschöpfe. Der Meta-Aspekt des Filmes ist durchaus spannend zu verfolgen, wenn die Vertreter von Toupin, Pafini und Reuf sich auf eine an sich klassische Quest machen, um den Sinn ihres eigenen (Un-)Gemachtseins zu ergründen.

Das Ganze ist zum einen ein simples, jedoch stets äusserst effektiv gemachtes Zelebrieren der Bildkunst. Zum anderen wird mit dem Kampf der drei Figurenkasten ein deutliches Plädoyer gegen Repression und Ausgrenzung formuliert. Der Aufruf zu mehr Toleranz ist gut und schön, erweist sich letztlich jedoch auch als zweischneidiges Schwert. So ist es an sich zwar lobenswert, dass sich die Figuren für ihren eigenen Weg entscheiden und sich von ihrem Macher lösen. Schade ist hingegen, dass sich mit der farblichen Gleichmacherei letztlich alle Figuren an die ehemaligen Toupin-Unterdrücker anpassen. Gerade deshalb mag das Ende wiederum zu gefallen, wenn die ohnehin interessanteste Figur sich nicht mit einem herkömmlichen Happyend begnügt, sondern die Suche nach dem Maler/Schöpfer weiterführt und dabei an die Grenzen künstlerischer Schöpfung (und darüber hinaus) gelangt.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Letterboxd