Oslo, August 31st - Oslo, 31. august (2011)

Oslo, August 31st - Oslo, 31. august (2011)

  1. 95 Minuten

Filmkritik: To Be or not to Be: That's the question!

"Bei diesem Lärm kann ja kein Mensch schlafen!"
"Bei diesem Lärm kann ja kein Mensch schlafen!"

Anders (Anders Danielsen Lie) ist 34 Jahre alt und steht an einem Punkt im Leben, an dem er nochmals von Null beginnen muss. Nach zehn Monaten Entziehungskur darf Anders für ein Vorstellungsgespräch die Drogenklinik für vorerst einen Tag verlassen, bevor er die Klinik nach weiteren zwei Wochen endgültig hinter sich lassen kann. Doch der vermeintliche Neustart stellt sich als gar nicht so einfach heraus. Die Leere, die Anders verspürt, macht ihn sich zu seinem grössten Gegner. Er glaubt, ohne etwas dazustehen. Das Leben scheint keinen Wert mehr für ihn zu haben.

"Ich fühl mich so gerädert."
"Ich fühl mich so gerädert."

Der eintägige Ausflug nach Oslo bringt anstatt eines Neuanfangs alte Erinnerungen und Versuchungen hervor. Seine Freunde haben sich distanziert, haben eine Familie, stehen mit beiden Beinen im Leben. So sieht es zumindest für Anders aus. Als auch die Fassade seiner Freunde zu bröckeln beginnt, ist sich Anders erst recht nicht sicher, was das Leben ihm noch zu bieten hat. Er muss sich entscheiden, ob und vor allem wie er seinen Weg zurück ins Leben finden will.

Ein junger labiler Mann, der nicht weiss, ob das Leben überhaupt noch lebenswert ist. Diese Thematik hat Shakespeare schon vor einem halben Jahrtausend interessiert. Die Vorlage für das neuste Werk des dänisch-norwegischen Regisseurs Joachim Trier ist aber nicht etwa Hamlet, sondern der Roman Le Feu Follet von Pierre Drieu La Rochelle aus dem Jahre 1931 und wurde bereits 1963 von Louis Malle verfilmt. Trier bringt die Geschichte eines Mannes, der nach einem Tief keine Kraft mehr für einen Neuanfang hat, in die Gegenwart und kreiert damit ein einfühlsames aber gleichzeitig unsentimentales Portrait eines jungen Mannes.

Die Anfangssequenz von Oslo, August 31th ist eine Montage, in der sich im Voice-Off verschiedene Stimmen über die Stadt Oslo und einzelne Erfahrungen mit ihr äussern. Gezeigt wird älteres Bildmaterial - einen Blick in die Vergangenheit, von der ein Teil, etwa gewisse Freunde oder Erinnerungen, bis in die Zukunft anhalten. Doch bereits die nächste Einstellung, die den jungen, aber irgendwie ein wenig verlebten, Anders (Anders Danielsen Lie) zeigt, macht klar, dass sich ebenso viel mit der Zeit geändert hat.

Joachim Trier nimmt sich Zeit für Dialoge und zeigt intime Momente, die nicht nur dazu dienen, aufzuzeigen, wer Anders (Anders Danielsen Lie) früher war, und wie sich seine Freunde in seiner Abwesenheit verändert haben, sondern auch deutlich machen, dass das Problem nicht so einfach bei Namen zu nennen ist, wie es anfänglich scheint. Die Kamera folgt Anders durch seinen Tag in Oslo, was dem Zuschauer eine direkte Begegnung mit den Charakteren ermöglicht. Man spaziert mit durch die Strassen, lauscht dem Gespräch von Thomas (Hans Olav Brenner) und Anders, sitzt im selben Café und geht mit Anders auf die Home-Party einer Freundin. Die Kamera wackelt dabei oft ein wenig, gerade als würde man sie selbst halten.

Dabei lässt sich der Film Zeit und kommt ohne grosse Dramatik und ganz ohne gefühlsvolle Musik aus. Die Emotionen werden über die Schauspieler und ihre Gespräche - meist Dialoge - vermittelt. Anders Danielsen Lie in der Hauptrolle ist wie gemacht für den Charakter. Man wird nicht so ganz schlau aus ihm. Mal sieht man in ihm den ehemaligen Drogensüchtigen, mal den guten Freund, den er für viele früher war. So geht es auch den anderen Charakteren in Oslo, August 31th. Hören sie Anders im einen Moment aufmerksam zu, klagen sie ihm im nächsten schon ihre eigenen Probleme und vergessen, dass sie Anders Mut zusprechen sollen. Interessant ist dabei auch, dass der Drogensüchtige aus gutem Haus stammt. Die Perspektive des im Leben Privilegierten macht die Handlung umso spannender und aussergewöhnlicher.

Fazit: Oslo, August 31th ist ein toller Film. Gerade beschwingt fühlt man sich während des Filmes zwar nicht, doch trifft man in Anders eine echte Person und nicht nur einen Filmcharakter. Besonders geeignet ist der Film für Leute, die sich fragen, wie andere ihr Leben so führen.

/ stb

Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:09