Weiter zu OutNow.CH »
X

Once Upon a Time in Anatolia - Bir zamanlar Anadolu'da (2011)

Once Upon a Time in Anatolia - Bir zamanlar Anadolu'da (2011)

Oder: Leichensuche extended

Der einsame Mahner in der Wüste?

Der einsame Mahner in der Wüste?

Eine stürmische Nacht irgendwo in Anatolien, dem asiatischen Teil der Türkei: Drei Polizeiautos schlängeln sich durch ein enges Strässchen in einer hügeligen Landschaft. Unter dem Kommando von Polizeikommissar Naci (Ylmaz Erdogan) und Staatsanwalt Nusret (Taner Birel) sucht der Trupp die Leiche eines Dorfbewohners, der vor ein paar Tagen brutal umgebracht worden ist. Die Tatverdächtigen sind gefasst und verhaftet, nun sollen sie Polizei und Staatsanwalt zum Ort führen, an dem die Leiche vergraben ist. Doch der Hauptverdächtige Kenan (Firat Tanis) scheint Mühe zu haben, sich zu erinnern, wo genau dies war.

Call me Zhivago!

Call me Zhivago!

So irrt der Polizeitrupp durch die anatolische Nacht. Mit an Bord ist auch der Arzt Cemal (Muhammet Uzuner), dessen Aufgabe es sein wird, die Leiche nach der Bergung zu untersuchen. Bis dahin hat er allerdings nicht viel zu tun, was ihm umso mehr Zeit gibt, über sein Leben nachzudenken und sich mit anderen gerade zur Untätigkeit verdammten Mitgliedern des Polizeitrupps über Gott und die Welt zu unterhalten.


Film-Rating

Once Upon a Time in Anatolia erinnert mit seinem Titel wohl nicht ganz zufällig an die Sergio-Leone-Klassiker Once Upon a Time in the West und Once Upon a Time in America. Mit diesen beiden Monumenten der Kinogeschichte teilt der Film von Nuri Bilge Ceylan zumindest mal eines: die epische Länge - 157 Minuten sind es hier. Und diese Länge wird voll ausgekostet: Bedächtige Einstellungen dominieren, minutenlang passiert nichts, was die Handlung vorantreiben würde. Doch um diese geht es auch weniger in diesem Film, sondern vielmehr um die Stimmung.

Die ersten 90 Minuten des Films - also mehr als die Hälfte - spielen sich dabei nachts, also komplett im Dunkeln, ab. Dabei zeigt sich die Vorliebe von Regisseur Ceylan für Gewitter - hat er doch schon im Vorgängerfilm Three Monkeys ein solches prächtig in Szene gesetzt. Gleich dreimal lässt er hier den Donner krachen, und dies ist durchaus eindrucksvoll inszeniert. Ein Auge bzw. Ohr für eine einprägsame Bild- und Tonsprache hat der Regisseur offensichtlich, und die Weitwinkel-Aufnahmen - oft in der Totale aus Standkamera gefilmt mit Dialogen als Voiceover - bestechen auch nächtens.

Anders als in Three Monkeys, wo die Protagonisten eher wortkarg waren, wird hier viel, ja sogar sehr viel gesprochen. Erst durch die Dialoge entwickeln sich im Laufe des Filmes Haupt- und Nebenplots, bei denen langsam die Absichten des Regisseurs deutlich werden: ein Land zu zeigen, das sich irgendwo zwischen bäuerlicher Einfachheit und Moderne zu verlieren droht. Man kann sich sogar dazu versteigen, in Ceylans Film eine Art türkische Version von "Warten auf Godot" hineinzuinterpretieren. Auch wenn das Warten hier aus Fahren besteht und der Vergleich nur schon deshalb etwas hinkt: Die zermürbende Langsamkeit, mit der die Bergung der Leiche vonstatten geht, kann man durchaus als Metapher für das ergebnislose Warten auf eine verheissungsvollere Zukunft verstehen.

Der Titel des Films mag denn auch mit einer gewissen Ironie gewählt sein - trotz einiger Gemeinsamkeiten mit den Leone-Filmen. Freilich gibt's in Once Upon a time in Anatolia keinen stimmungsvollen Soundtrack von Ennio Morricone. Einzige Sounduntermalung ist hier das Donnergrollen oder gelegentliches Gedudel aus dem Autoradio. Dies und die bedächtige Art der Inszenierung machen den Film zu einem schwer geniessbaren, wenig massenkompatiblen Werk. Gerade in dieser Langatmigkeit liegt aber auch seine grösste Stärke und Faszination. Selbst wenn man sich während der zweieinhalb Stunden Spielzeit zumindest bei der einen oder anderen Szene einen resoluteren Cutter gewünscht hätte.


OutNow.CH:

Bewertung: 4.5

 

21.05.2011 / ebe

Community:

Bewertung: 3.5 (3 Bewertungen)

 

 

» Deine Wertung?

Kommentare:

1 Kommentar