OFF BEAT (2011)

OFF BEAT (2011)

  1. 95 Minuten

Filmkritik: 8 Mile Zurich

"Was? Sonnenlicht? Gaht's na?"
"Was? Sonnenlicht? Gaht's na?" © Studio / Produzent

Der Rapper Lukas (Hans-Jakob Mühlethaler) hat definitiv schon bessere Tage gesehen. Nur noch unter Drogen traut er sich auf die Bühne und versagt dann auch noch unter dem Druck. Was ihn am meisten belastet, ist die Liebesbeziehung mit seinem 20 Jahre älteren Produzenten Mischa (Domenico Pecoraio). Doch ein Coming-out ist in der Szene nach wie vor ein Tabu. Nachdem Lukas einen Auftritt massiv verhaut, schmeisst ihn Mischa nicht nur aus dem Musikgeschäft, sondern auch aus dem gemeinsamen Bett.

"Du hast die Haare lang, du hast die Haare lang..."
"Du hast die Haare lang, du hast die Haare lang..." © Studio / Produzent

Während sich Lukas vermehrt den Drogen zuwendet, versucht sein kleiner Bruder Sämi (Manuel Neuburger), Fuss in der Hip-Hop-Szene zu fassen. Ausgerechnet Mischa nimmt den Jungrapper unter seine Fittiche und will ihn ähnlich wie den Bruder gross herausbringen. Dies führt natürlich zu Konflikten zwischen Mischa und Lukas und auch zu Streit zwischen den Brüdern. Bei einem Auftritt von Sämi wagt sich dann Lukas plötzlich auf die Bühne und will es allen zeigen...

Mit dem Dokumentarfilm Chrigu über seinen an Krebs erkrankten Kumpel Christian Ziörjen sorgte Regisseur Jan Gassmann in der Schweizer Filmszene für viel Aufsehen. Drei Jahre und ein paar Filmpreise später präsentiert er uns nun seinen ersten Spielfilm. Die Herkunft Gassmanns aus der Dokuecke ist dabei zu jeder Zeit erkennbar. Authentizität ist für ihn wichtig, genauso wie Schauspieler, die ihre Rollen leben sollen, anstatt sie nur zu spielen. Warum er jedoch seine Figuren gegenüber dem Zuschauer so auf Distanz hält, ist nur schwer begreiflich.

Gedreht wurde der Film mit einer digitalen Spiegelreflexkamera, einer kleinen Crew und ohne gross auf ein Drehbuch zu achten. Geschrieben wurde zwar eines, aber vieles, was dort drinstand, wurde vor der Kamera nicht ausgesprochen. Gassmann wollte mit Improvisation die Grenzen zwischen Realität und Fiktion vermischen. Dieses Ziel zu erreichen stand im Mittelpunkt, weshalb auch zwei der drei im Zentrum stehenden Figuren von Laiendarstellern verkörpert werden, die aus der Szene kommen. Die Orte, in welche der Film uns entführt, sind alles andere als hübsch zum Anschauen, doch der Film will hier nichts beschönigen, sondern die harte Realität zeigen. Dies gefällt auf eine seltsame Art und Weise.

Die Machart überzeugt also, doch es wäre besser gewesen, wenn Gassmann seinen Protagonisten ein paar Sympathiepunkte zugestanden hätte. Schicksalsschläge sind hart, aber nur weil welche passieren, leidet man noch lange nicht mit. Im Film muss man einen Bezug zu den fiktiven Figuren haben, sonst funktioniert das Drama nicht. Auch weil vieles unausgesprochen bleibt, ist man immer auf Distanz. Gewisse Szenen wie eine Sequenz mit einem Blowjob vergrössern den Abstand nur noch.

Fazit: Off Beat gefällt mit seiner Authentizität und der rauen Bildsprache. Doch zu den Figuren ist es schwer, eine Beziehung aufzubauen, da Regisseur Gassmann einiges im Dunkeln lässt. Seine Stärken liegen wohl eher im Dokumentarfilm als im Semidoku-Drama-Sektor.

Chris Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Trailer Schweizerdeutsch, 01:52