Target - Mishen (2011)

Target - Mishen (2011)

  1. 158 Minuten

Filmkritik: Junges Blut braucht Moskau!

Twister oder Swingerclub?
Twister oder Swingerclub?

An- und Aussehen sind für die reiche Oberschicht Russlands im Jahr 2020 das Wichtigste und mit dem entsprechenden Budget kann dem Alter ein Schnippchen geschlagen werden. In einem abgelegenen Berggebiet in einer alten Astrophysikanlage aus Zeiten der UdSSR soll das Geheimnis ewiger Jugend zu finden sein. Deshalb reist Energiemogul Victor (Maksim Sukhanov) mit seiner Frau Zoya (Justine Waddel) in das vermeintliche Wundergebiet. Begleitet wird das Paar von Zoyas Bruder Mitya (Danila Kozlovskiy), der eine berühmte Fernsehshow moderiert, sowie dessen hitzköpfigem Bekannten Nicolai (Vitaly Kishchenko).

Malerisch dastehen! Genau so! Drama, babys, dramaaa!
Malerisch dastehen! Genau so! Drama, babys, dramaaa!

Verstärkt durch die Radiosprecherin Anna (Daniela Stoyanovich), für die Mitya schon lange schwärmt, begibt sich die Gruppe zum sogenannten "Target" - einem riesigen Kreis aus Metallplatten irgendwo im Nirgendwo. Wer sich in das Loch in der Mitte herabseilt und eine Nacht dort verbringt, soll angeblich nicht mehr altern. Tatsächlich gelingt die Verjüngungskur, doch zurück in der Schickeria Moskaus führt die neu erlangte Jugend unweigerlich zu Spannungen: Zoya und Nicolai beginnen eine Affäre miteinander, Mitya wird immer mehr zum Problem vor der Kamera, und Victor ist zunehmend besessen von der Idee, das Gute und das Böse durch technische Mittel sichtbar zu machen.

Trotz pseudowissenschaftlichem Schwof, den (wenigen) technisch fortgeschrittenen Gadgets sowie der Situierung in der nicht allzu fernen Zukunft schreckt man fast schon etwas davor zurück, Target als Science-Fiction-Film zu bezeichnen. Gerade zu Beginn werden zwar viele typische Punkte des Genres in fast schon klassischer Manier abgehakt; so wird etwa gezeigt, welche futuristischen Kommunikations- und Transportmittel zur Verfügung stehen, welche Formen der Kontrolle durch die Regierung genutzt werden, oder wie die grossen Konzerne ihre Energie gewinnen. Nicht zuletzt das mysteriöse "Target" ist ein SF-Feature par excellence - dies, obwohl natürlich zu keiner Zeit überhaupt versucht wird, dessen Funktionsweise in irgendeiner Form genauer zu erklären.

Allerdings ist es weniger der Genre-Aspekt, auf den das Hauptaugenmerk des Films gerichtet ist, denn die Geschichte dreht sich fast ausschliesslich um die Figuren und deren wechselnde Beziehungen untereinander. Inszeniert wird dies als Sittengemälde einer schwerreichen Oberschicht, die längst vergessen hat, was man mit dem vielen Geld alles anstellen kann. Als nach dem Besuch im Target auch noch eine potentiell endlose Lebensdauer zur Verfügung steht, ist die noble Langeweile perfekt. Minutiös wird im Folgenden gezeigt, welchen Einfluss diese neuen Möglichkeiten auf das Gefühls- und Sozialleben der Betroffenen hat. Regisseur Alexander Zeldovich nimmt sich dafür auch seine Zeit: Geschlagene 158 Minuten dauert der Film, was fast zwingend zu einigen Längen führen muss. Tatsächliche Langeweile kommt jedoch nur selten auf, denn es ist durchaus interessant, zu beobachten, wie die Freude über die neu erlangte Jugendlichkeit selbstsüchtigeren Gefühlslagen weicht, wie Freude und Freundschaft zu Hedonismus, Neid, kindischem Verhalten, dem Verlust der Selbstbeherrschung und letztlich auch zu Gewaltausbrüchen und Tod führen.

Target ist Soft-Science-Fiction aus Russland, die sich bewusst mit den sozialen und emotionalen Aspekten von Langlebigkeit und ewiger Jugend befasst und dafür weitgehend auf Zukunftsvisionen und SF-Requisiten verzichtet. Inszeniert wird der Film als gross angelegtes Drama, das durch überzeugende Darsteller trumpfen kann und auch dank der tollen Kostüme beinahe zeitlos wirkt. Wer sich wundern sollte - ja, die fremdgehende Gattin Zoya wird tatsächlich von Justine Waddel gespielt, die man vielleicht aus Hollywoodfilmen (z.B. Wes Craven's Dracula) kennen dürfte. Abzug gibt's allerdings für die Länge, denn bei aller Liebe zum Detail dauert der Film ganz einfach mindestens 30 Minuten zu lang.

/ pps