Michael (2011)

Michael (2011)

  1. ,
  2. 96 Minuten

Filmkritik: Gruss + Kuss, Natascha Kampusch

Das Wandern ist des Michaels Lust ...
Das Wandern ist des Michaels Lust ... © Studio / Produzent

Michael (Michel Fuith) arbeitet bei einer Versicherung und ist von den Kollegen und Vorgesetzten so geschätzt, dass bald eine Beförderung ansteht. Er hat es gut mit seiner Schwester. Ruft immer mal wieder seine Mama an. Und bewohnt ein picobello Häuschen in Niederösterreich, wenn er nicht gerade Ski-Ferien mit den Kumpels aus alten Tagen unternimmt. Unter der gutbürgerlichen Fassade steckt aber ein pädophiler Kindsentführer. Niemand weiss, dass Michael in seinem Keller den 10-jährigen Wolfgang (David Rauchenberger) gefangen hält.

Abgesehen vom regelmässigen Missbrauch führt Michael ein Leben wie ein alleinerziehender Vater mit Fleischkäse Kochen, Besuchen im Wildpark und dem einen oder anderen gemeinsam gelösten Puzzle. Hat Wolfgang Fieber, gibt's sogar Essigsocken. Doch die junge Geisel beginnt sich mit der Zeit zu wehren, und als Michael von einem Auto angefahren wird, muss der Junge für einige Tage ganz alleine eingesperrt auskommen. Es soll nicht das einzige unentschuldigte Fernbleiben Michaels bleiben.

Ausgerechnet der Österreicher Markus Schleinzer schildert in Michael das "unfreiwillige Zusammenleben" eines 10- und eines 35-Jährigen, wie es in den Presseunterlagen zum Film unspektakulär genannt wird. Das ist natürlich Salz in die Wunde der Alpenrepublik, die mit den Fällen Fritzl und Kampusch in den letzten Jahren tatsächlich solch pädosexuelle Horrorgemeinschaften erleben musste. Die österreichischen Kollegen am Filmfestival von Cannes 2011 nahmen die Sache aber mit Humor und hofften, dass nun nach Haneke, Seidl und Co., für die Schleinzer auch schon Castings durchführte, endlich wieder "normale" rot-weiss-rote Filme die Welt beglücken werden.

Schleinzer geht aber nicht reisserisch mit dem Thema um. Er schildert kühl und ohne zu werten fünf Monate im Leben eines Pädophilen. Er heftet sich Michael Fuith alias Michael an die Fersen, ohne gleich wirklich alles zu zeigen, was sich im Verlies abspielt. Die wirklich schlimmen Bilder müssen sich die Zuschauer selber denken. Und man muss auch mit dem bösen Humor, der an Zynismus grenzt, klarkommen, der im Verhalten dieses Unmenschen eben auch vorkommt. Für einen erfahrenen Casting Director auf dem Regiestuhl nicht überraschend, sind sowohl Täter und Opfer bestens ausgewählt: Fuith als käsiger Bünzli mit Kontrollwahn und der scheue und doch aufmüpfige David Rauchenberger als geschändeter Bub.

Michael ist sicher kein Film für jedermann. Man ist beim Zuschauen Mitwisser eines grausamen Verbrechens und muss mitansehen, wie einfach es wäre, weitere Opfer in den Keller zu locken. Angedeutet wird dies nur mit der Anschaffung eines Kajütenbetts und dem Besuch einer Go-Kart-Bahn. Weil man immer nah an Michael ist, wird der Verbrecher zur einzigen Bezugsperson, wie das auch Jürgen Vogel im ähnlich kontroversen Der freie Wille war. Beide Filme schneiden Themen an, mit denen man lieber nicht konfrontiert wird, geschweige denn gerne im Kino sieht. Aber Schleinzer schafft mit seiner schlichten chronologischen Erzählung solche Schreckensassoziationen, dass man nach Michael auch Harmloses wie das Popgedudel "Sunny" von Boney M. nie mehr gleich hören wird wie vorher. Für diese Art Kopfkino muss man bereit sein, ob man nun aus Österreich kommt oder nicht.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter

Teaser Deutsch, 01:45