Manipulation (2011)

Manipulation (2011)

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  3. 90 Minuten

Filmkritik: Die Wahrheit ist relativ

Hier fehlt ein Kalauer mit Brandauer.
Hier fehlt ein Kalauer mit Brandauer.

Die Schweiz in den Fünfzigerjahren. Mitten im Kalten Krieg bringt Rappold (Klaus Maria Brandauer), ein altgedienter Spezialagent der Bundespolizei, mit seinen herausragenden Verhörmethoden jeden Staatsfeind zur Strecke. Früher die Nazis, verfolgt er jetzt die "Roten" - immer mit Erfolg. Bis sich der Star-Journalist Werner Eiselin (Markus Merz) im Verhörraum die Pistole an die Schläfe hält und abdrückt. Eiselins Tod belastet Rappold für längere Zeit sehr.

Auch Koch sitzt im Witze-Loch.
Auch Koch sitzt im Witze-Loch.

Die Indizien, welche zu Eiselins Haftbefehl führten, stammen vom PR-Berater Harry Wind (Sebastian Koch). Auf Fotos ist Eiselin auf dem Roten Platz in Moskau zu sehen, wo er Dokumente vom bärtigen Rutschenko (Urs Jucker) in Empfang nimmt. Nach Eiselins Selbstmord gerät Wind selber in Verdacht. Auch er ist mit Rutschenko gesichtet worden. Rappold beginnt an der These zu zweifeln, dass Eiselin ein sowjetischer Spion war. Wer ist dieser Rutschenko wirklich? Kurz vor seiner Pensionierung versucht Rappold dies aus Harry Wind herauszuquetschen.

Aus heutiger Sicht klingt es absurd, aber während der Fünfziger- und Sechzigerjahre brütete die Schweizer Armee über Plänen zum Bau von bis zu 200 Atombomben. Der bekannteste Schweizer Nuklearforscher, Paul Scherrer, leitete die geheime Kommission, welche das Land für den atomaren Angriff wappnen sollte. Im kalten Krieg überwachten zudem Apparatschiks aus der Bundespolizei und dem Eidgenössischen Militärdepartement die Aktivitäten vermeintlich kommunistischer Bürger - Bespitzelungen, die zwanzig Jahre später im Fichenskandal ans Licht kommen sollten. Zu dieser Zeit spielt der Roman "Das Verhör des Harry Wind", der dem Schweizer Autor Walter Matthias Diggelmann 1962 zum literarischen Durchbruch verhalf.

Der Basler Produzent Alex Martin war schon vor sehr lange von diesem Stoff fasziniert. Von der Grundidee bis zur Premiere der Manipulation genannten Verfilmung an den Solothurner Filmtagen 2011 dauerte es aber zwanzig Jahre. 2008 fiel die erste Klappe mit den für Schweizer Verhältnissen ziemlich schwergewichtigen Hauptdarstellern Klaus Maria Brandauer und Sebastian Koch. In den drei folgenden Jahren mit vielen Schnittfassungen und der Arbeit von gleich zwei Filmmusikkomponisten fand der Film seine jetzige Form. Zentral sind nun die Verhöre zwischen dem sich angenehm zurückhaltenden Brandauer und Koch als aalglattem Spin-Doctor ante litteram.

Das diese Gespräche meist in Innenräumen stattfinden, kommt dem muffigen Mief der Fünfziger zugute. Die historisch interessante Epoche wurde mit Originalrequisiten penibel nachgestellt. Dieses Bühnenbild, die marginalisierten Frauenrollen und die beiläufigen Randbemerkungen zum politischen Klima zu der Zeit machen Manipulation rein formal zum Schweizer Cousin der US-Serie Mad Men. Einem nicht ganz so sexy Verwandten zwar, der vor dem Hintergrund schweizerischer Skandale die PR-Arbeit der damaligen Zeit erörtert. Das universelle Thema des Unterschieds zwischen Wahrheit und Glaubwürdigkeit, das dem Film seinen Zusammenhalt gibt, kannte der Vorlagengeber Diggelmann. Er arbeitete lange Zeit als Texter für den Schweizer Public-Relations-Pionier Rudolf Farner und hatte deshalb Insiderwissen.

Trotz der trockenen PR-Thematik kann der Schweizer Polit-Thriller aber auch eine spannende Krimihandlung aufgleisen. Anders als das geplante Schweizer Atomprogramm ist Manipulation so nicht nur dank Schauspielstar Brandauer auch auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig.

/ rm