Khodorkovsky (2011)

Khodorkovsky (2011)

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  2. 111 Minuten

Filmkritik: Der reichste Sträfling der Welt

Der lächelnde Gefangene
Der lächelnde Gefangene © Studio / Produzent

Er war der reichste Oligarch der Welt, traf Präsident Wladimir Putin jährlich in wichtigen Sitzungen und führte ein gutes Leben. Doch plötzlich ist es damit vorbei: Mikhail Khodorkovsky sitzt seit Oktober 2003 in Haft. Die Anklage lautet auf Steuerhinterziehung. Sechs Jahre später wird er zu weiteren Jahren im Gefängnis verurteilt und dies aufgrund von Geldwäscherei und Unterschlagung. Wie kam es dazu, dass dieser mächtige Mann, der alles hatte, nun in einer kleinen Gefängniszelle sitzt? Und warum kehrte er freiwillig von einer Geschäftsreise nach Russland zurück, obwohl er genau wusste, dass er bei seiner Ankunft sofort verhaftet werden würde? Wurde er ein Opfer der Regierung, der er ein Dorn im Auge war, oder sitzt er vielleicht auch zurecht hinter Gittern?

Der Dokumentarfilm von Cyril Tuschi geht diesen Fragen nach und zeigt dabei auch den Aufstieg von Khodorkovsky zum Vorstandsvorsitzenden des heute insolventen Ölkonzerns Jukos.

Als Khodorkovsky bei der Berlinale 2011 uraufgeführt wurde, machten Meldungen die Runde, dass in den Arbeitsräumlichkeiten von Regisseur Cyril Tuschi zweimal eingebrochen worden sei und dabei Computer und Festplatten geklaut worden seien, auf denen Kopien seines Filmes gespeichert waren. Zum Glück hatte er eine Kopie bereits vorgängig bei den Programmverantwortlichen der Berlinale abgegeben, sodass die Weltpremiere nicht gefährdet war. Ob die Einbrüche wirklich stattgefunden haben oder ob es sich um einen Marketing-Gag handelt, weiss wohl nur Tuschi selbst. Geschadet hat dieser Vorfall dem Film auf jeden Fall nicht, und er macht hoffentlich damit mehr Leute auf diese gelungene Doku aufmerksam.

Ganze 150 Stunden an Filmmaterial hat Tuschi in seinem Film verarbeitet - und dies merkt man. Nach einem leicht humorvollen Beginn mit der Bemerkung, dass man besser ein Porträt über eine andere Person machen solle, wenn man eine wahre Geschichte erzählen wolle, geht die Informationsflut los. Es fallen Abkürzungen von Organisationen, das Wort Oligarch wird kurz erklärt, und es wird regelrecht durch die Jahrzehnte gerast. Ohne Vorwissen fühlt man sich hier etwas verloren. Wer jedoch aufpasst, kriegt eine packende Dokumentation zu sehen, die zwar bemüht ist, neutral zu sein und beide Seiten zu Wort kommen lässt, letzten Endes dann aber doch auf die Seite von Mikhail Khodorkovsky fällt.

Man kann dies Tuschi jedoch nicht verübeln, denn hätte er Khodorkovsky nicht ein paar Sympathiepunkte zugestanden, wäre sein Film etwas gar trocken dahergekommen. So funktioniert der Film auch letztendlich und schafft ganz nebenbei das Kunststück, noch etwas über die Geschichte Russlands der letzten 30 Jahre zu erzählen.

Fazit: Einige werden Khodorkovsky überladen finden und hätten damit nicht so unrecht. Dafür schafft es Tuschi damit, keine einseitigen Blick auf die Geschehnisse zu präsentieren, sondern mehrere, und er muss für das Ausmass der Ereignisse oft weit ausholen. Wenn etwas Vorwissen vorhanden ist, hilft dies zweifelsohne, es ist jedoch nicht Voraussetzung, um dieses aufopferungsvolle Werk toll zu finden. Über die Vorfälle während der Berlinale sagt Tuschi übrigens: "Wenn jemand vorhatte, mir Angst einzujagen, ist das gelungen." Klar ist jedoch, dass er kaum ein besseres Kompliment für seinen Film hätte bekommen können.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:33