Herz im Emmental (2011)

Herz im Emmental (2011)

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  2. 90 Minuten

Filmkritik: Besser selbst hingehen.

"So sehen also Emmentaler aus. Interessant."
"So sehen also Emmentaler aus. Interessant." © Studio / Produzent

Das Emmental ist eine Region im Kanton Bern, in der es 42 Gemeinden gibt, in denen wiederum 92'000 Personen ihr Zuhause haben. Einer von ihnen ist der Hardrocker Thom Blunier, der Lead-Gitarrist der Band "Shakra". Man könnte vielleicht denken, dass ein Auftritt im Hallenstadion in Zürich das Grösste für ihn wäre. Doch er bevorzugt es, im Emmental zu spielen, wo die Leute einander kennen. Einer ihrer vielen Auftritte in der Heimat hatte die Band im Stadion der SCL Tigers in Langnau. Der Präsident des Eishockey-Clubs Peter Jakob hat neben dem Eishockey noch eine Seilfabrik zu führen, die auch in Deutschland und Saigon produziert. Doch am liebsten ist auch er in seiner Heimat im Emmental.

Dies sind nur zwei der vielen Personen, die im Dokumentarfilm von Regisseur Bernhard Giger vorkommen und ihre Geschichte sowie diejenige des Emmentals erzählen. Wie hat sich die Region gegenüber früher verändert, was hat sie damals gross gemacht und woher kommt die Rivalität zum grossen Bern?

Dass die Schweiz schöne Landschaften hat, muss man wohl kaum noch jemandem beibringen. Auch das Emmental bietet in dieser Hinsicht einiges, vor allem weil in vereinzelten Gemeinden die Zeit still gestanden zu sein scheint. Der Dokumentarfilm Herz im Emmental zeigt einige dieser Gemeinden und besucht für die erzählerische Unterstützung viele verschiedene Einheimische. Ein Fehler, wie sich herausstellt, denn die meisten wissen nicht wirklich etwas zu erzählen. Sinnbildlich dafür sind der Hardrocker Thom, der von seinen Rückenschmerzen erzählt oder die Rentnerin Ido Heiniger-Frauchiger, die sich in ihren Erzählungen von früher in Details verliert.

Das wirklich Interessante und Wissenswerte muss man sich aus diesem riesigen Berg von Blabla heraussuchen. Ein ehemaliger SVP-Nationalrat, der die Unterschiede zwischen ländlicher und städtischer SVP aufzeigt, hat zum Beispiel viel mehr zu bieten als ein Schwinger, der bei einem Schwingfest einen Kranz geholt hat und diesen stolz in die Kamera hält. Leider sind Personen wie die letztere in der Mehrzahl, was den Film nicht nur schleppend macht, sondern auch grösstenteils langweilig.

Eine Struktur ist zudem überhaupt nie erkennbar. Es wird beliebig zwischen den Erzählern gewechselt, ohne dass ihre Geschichten einen Bezug zueinander hätten - mal davon abgesehen, dass alle Protagonisten aus der gleichen Region kommen.

Fazit: Herz im Emmental zeigt schöne Bilder, aber interessant ist in dieser strukturlosen Dokumentation wenig. Interviews werden beliebig aneinandergereiht und am Ende hat man nicht wirklich das Gefühl, etwas gelernt zu haben. Und dies ist in der Bewertung einer Dokumentation eindeutig die Höchststrafe, welche hier trotz einiger guter Abschnitte ausgesprochen werden muss.

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Kommentare Total: 2

TaTanji

Ich finde die Kritik zu hart. Sicher, der Film ist keine tiefgründige und lehrreiche Dokumentation - aber das nimmt er ja auch gar nicht für sich in Anspruch. Es handelt sich hier vielmehr um eine kurzweilige Aneinanderreihung von verschiedenen Erzählungen unterschiedlicher Menschen aus dem Emmental. Gerade durch den ständigen Wechsel zwischen den Protagonisten stellt sich keine Langeweile ein. Dazu kommt, dass sich die Geschichten dann teilweise doch überschneiden, beispielsweise wenn Niklaus M. Lauterburg erzählt, wie in einem Teil seines Traditionsbetriebes heute ein Tonstudio eingemietet ist.

Jeder dieser Menschen hat sehr wohl Interessantes zu erzählen. Logischerweise hat eine junge Frau, die gerade die Lehre beendet hat, noch nicht so viel erlebt wie die die 78-jährige Tochter einer ausgebeuteten Heimarbeiterin. Dabei liegt es ganz einfach auch im Auge des Betrachters, welche Geschichten er spannend findet und welche vielleicht weniger. Der Unterschied zwischen städtischer und ländlicher SVP interessiert den Schwingerfreund vermutlich weniger als die Ausführungen des jungen Sportlers.

Es war absolut kein Fehler, verschiedene Einheimische zu Wort kommen zu lassen. Denn genau davon lebt dieser Film! Der Musiker Thom Blunier hat übrigens weit mehr als bloss über seine Rückenschmerzen gesprochen. Abgesehen davon finde ich den lapidaren Ausdruck "Rückenschmerzen" im Zusammenhang mit Morbus Bechterew reichlich fehl am Platz. Auch Frau Ida Heiniger hat viel zu erzählen. Was Ihre Mutter und deren Weggenossinnen geleistet haben, kann man heute nur mehr schwer nachvollziehen. Dass sich alte Menschen bei Ihren Ausführungen gerne in Details verlieren, liegt in der Natur von uns allen. Und gerade weil hier nicht zuviel weggeschnitten wurde, wirkt das Gespräch sehr authentisch.

Mein Fazit:
Mit Sicherheit kein Meisterwerk der Kinogeschichte, jedoch kurzweilige Unterhaltung. Daumen hoch!
...aber letztendlich ist jeder Film einfach nur Geschmacksache! 😉

crs

Filmkritik: Besser selbst hingehen.

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Trailer Schweizerdeutsch, 01:49