Hanaan (2011)

Hanaan (2011)

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  2. 85 Minuten

Filmkritik: Drogenmafia in Usbekistan

© Studio / Produzent

Stas (Stanislav Tyan) und seine Freunde Kasoy und Shin (Ruslan Pak) sind junge Usbeken, die jedoch von Koreanern abstammen, welche in den Dreissigern unter Stalin nach Zentralasien deportiert wurden. Eines Tages kommen sie mit Kriminellen in Kontakt, wobei Kasoy getötet wird. Die Polizei klärt den Mord nie auf.

© Studio / Produzent

Sechs Jahre später: Stas ist mittlerweile selber Polizist, während Shin in Korea ein Studium begonnen hat. Da bekommt Stas einen neuen Fall: Er soll sich zusammen mit zwei seiner Kollegen bei einer Bande von Drogendealern einschleusen. Was Stas jedoch nicht weiss: Der Anführer der Bande ist Maha (Bahodir Musaev), welcher vor sechs Jahren Kasoy ermordete.

Mit seinem Erstlingswerk erzählt der usbekisch-koreanische Filmemacher Ruslan Pak eine Geschichte, wie man sie aus Hollywood zur Genüge kennt: Ein Cop, der gegen Drogenhändler ermittelt, gerät selbst immer tiefer in den Strudel von Drogen und Korruption. Und doch hat Hanaan so rein gar nichts zu tun mit Filmen wie Bad Lieutenant oder Training Day. Woran liegt das?

Das Unkonventionellste an Paks Film ist sicherlich das Setting: Als westlicher Zuschauer erhält man einen Einblick in die multikulturelle Gesellschaft Usbekistans, wo unter anderem russische, arabische und koreanische Identitäten aufeinandertreffen. Dabei wird das soziale Mileu der Protagonisten detailliert und authentisch geschildert, etwa wenn sich Stas darüber aufregt, dass Koreaner und Chinesen von den Usbeken wiederholt in einen Topf geworfen werden. Bezeichnend ist auch die Wahl des Titels: "Hanaan" steht für das gelobte Land, den Himmel auf Erden. Ein koreanischstämmiger Usbeke wird zu Beginn des Filmes gefragt, ob Korea für ihn das Hanaan sei. Nicht unbedingt, antwortet er. Auch Stas scheint nicht recht zu wissen, wo seine Heimat liegt.

Von der Machart her könnte Hanaan ebenfalls nicht entfernter von Hollywood sein: Der Film wurde mit einer dokumentarischen Handkamera und weitgehend ohne zusätzliches Licht gedreht. Die Bilder sind nüchtern, trist, ja geradezu melancholisch. Zusammen mit den durch das Band hindurch überzeugenden Leistungen der Darsteller entsteht ein Hyperrealismus, der einem schon einmal die Kehle zuschnüren kann. Inbesondere Hauptdarsteller Stanislav Tyan ist zu loben, der die immense Wandlung seines Chrakters intim und packend rüberbringt. Nicht nur, dass Tyan noch nie zuvor in einem Film spielte, Hanaan basiert angeblich sogar zu einem grossen Teil auf seinem eigenen Leben.

Faszinierend ist ebenfalls, wie es Pak schafft, seinen Film gleichzeitig sehr ruhig und unaufgeregt und doch packend und elektrisierend zu erzählen. Nicht nur wechselt er spielend zwischen Krimi, Thriller, Drama und sogar Komödie, er verzichtet darüber hinaus auf die gängigen Mittel Hollywoods, Emotionen aus dem Zuschauer herauszupressen. Wenn etwa ein Junkie in einer schmutzigen Ecke eines Wohnblockes Selbstmord begeht, dann wird das weder durch Musik noch durch sonstige filmische Mittel künstlich dramatisiert, sondern von der Kamera lediglich "stumm" dokumentiert - im Wissen, dass die Szene aufgrund ihres Realismus schon traurig genug ist.

Neben dem schnörkellosen Realismus des Filmes ist es auch erfrischend, wie Pak gänzlich ohne einen moralischen Zeigefinger auskommt. Im Gegensatz zu Filmen wie Requiem for a Dream hat es Hanaan nicht nötig, den Holzhammer hervorzuholen, um die Heroinsucht eindringlich darzustellen. Ausserdem will Pak dem Zuschauer keine klare Botschaft vermitteln, sondern lässt ihn selbst über das Gezeigte urteilen, nicht zuletzt durch das offene Ende.

Hanaan ist ein harter, aber aufwühlender Film. Er glänzt in praktisch allen Aspekten - ob Regie, Schauspiel, Kamera, Drehbuch oder Schnitt - und beweist ganz nebenbei, dass man auch in einem Land wie Usbekistan und ohne viel Geld Filme machen kann, die das meiste, das heutzutage in Hollywood produziert wird, in den Schatten stellen. Schade, wird diese Filmperle bei uns wahrscheinlich nie in den Kinos laufen.

/ Jonas Ulrich [jon]