Elena (2011)

Elena (2011)

  1. 109 Minuten

Filmkritik: eine russische Familiengeschichte

"Ob man die Kerzen essen kann?"
"Ob man die Kerzen essen kann?" © Xenix Filmdistribution

Die pensionierte Krankenschwester Elena (Nadezhda Markina) verbringt ihren Lebensabend mehr oder weniger entspannt an der Seite ihres neuen Partners Vladimir (Andrey Smirnov). Dies, weil der frühere Unternehmer während seiner Karriere massig Geld gescheffelt hat, sodass er sich nun eine beeindruckende Bleibe, ein schönes Auto und ein Abo im Fitnesscenter ohne Probleme leisten kann. Das einzige, was dem alten Mann Sorgen bereitet, ist seine Tochter Katerina (Elena Lyadova), die immer mal wieder mit Alkohol und Drogen zu kämpfen hat. Ebenfalls einem Bier am Morgen nicht abgeneigt ist Elenas Sohn Sergey (Aleksey Rozin).

"So, schrumpeliger geht es nicht mehr."
"So, schrumpeliger geht es nicht mehr." © Xenix Filmdistribution

Der Langzeitarbeitslose lebt zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in einer wenig ruhmvollen Blockwohnung und bringt seine Familie nur durch, weil seine Mutter ihm monatlich einen Grossteil ihrer Rente in die Hände drückt. Als Sergeys Sohn Aleksandr (Igor Ogurtsov) in die Armee eingezogen werden soll, will die Familie dies verhindern. Doch das Geld für die Alternative Universität ist nicht vorhanden, und der reiche Vladimir macht keine Anstalten, der Familie von Elena Geld zu leihen.

Elena ist ein kalter Film. Dies nicht nur, weil sich im Film alle warm anziehen müssen; auch die Figuren haben wenig Erwärmendes an sich. Alle ausser der Titelfigur haben sich in ihrem Leben eingerichtet - egal ob reich oder arm - und nehmen an, dass alles so bleibt, wie es ist. Die Einzige, welche etwas ändert, ist die in der Mitte stehende Elena, die sowas wie ein Engel zu sein scheint, welcher sich gutmütig zu gewissen Schritten veranlasst sieht. Dazu muss sie sich jedoch an die Temperatur der Menschen um sie herum anpassen. Das ist so realistisch vorgetragen, dass es weh tut.

Das neuste Drama von Andrei Zvyagintsev (The Return) nimmt sich Zeit: Lange Kameraeinstellungen, in denen meist nicht viel passiert, sowie ein fehlender Soundtrack sind die Merkmale der ersten Viertelstunde. Danach bricht er diese selbstauferlegten "Regeln" jedoch mit der Involvierung eines fast schon pompösen Soundtracks, der auch noch viel zu laut abgemischt wurde und störend wirkt.

Mit dem Zeigen eines russischen Alltags schafft es Zvyagintsev zwar, eine beklemmende Stimmung zu erreichen - fast wie ein Haneke -, doch übertreibt er es in dieser Beziehung ein paar Mal. Der reiche Vladimir hat eine schöne Bleibe, fährt einen Audi, und die Einkäufe werden ihm in die Wohnung gebracht. Das pure Gegenteil lebt der Sohn von Elena - da regieren Blockwohnung, günstiger Fusel und Billigladen. Doch anstatt auf dem Reichen herumzuhaken, ist Verständnis angebracht für den Mann mit dem vielen Geld und dessen Entscheidungen. Die kleine Familie mit zwei männlichen Nichtsnutzen wäre durchaus selber im Stande, sich aus ihrem Schlamassel zu befreien und so nicht auf das Geld von anderen angewiesen zu sein. Doch indem dies immer mal wieder direkt und indirekt minutenlang gezeigt wird, geht die Story nicht richtig vorwärts.

So plätschert der Film über grosse Strecken vor sich hin, und die Zuschauer werden nur zwischendurch von dem viel zu aufdringlichen Soundtrack kurz aufgeschreckt. Im letzten Drittel hat das Werk jedoch einen Paukenschlag, der eigentlich völlig logisch ist, der einen aber trotzdem unvorbereitet trifft. Dies auch, weil man zuvor beim Zuschauen recht eingelullt wurde. Es folgt danach aber kein Schlussfurioso, sondern der Erzählfluss kehrt zum Gemächlichen zurück und findet ein Ende, das so ruhig aufhört, wie der Film begonnen hat. Nur die Emotionen beim Zuschauer sind etwas anders.

Fazit: Elena ist ein stark gespieltes Drama, das einen nachdenklich und auch ein wenig wütend zurücklässt. Letzteres nicht etwa weil der Film schlecht war, sondern weil Regisseur Zvyagintsev mit seinem Ende genau dies provoziert. Sein Plan ging auch dank der unaufgeregten, obwohl manchmal etwas schleppenden Erzählweise vollends auf.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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Trailer Originalversion, mit deutschen Untertitel, 01:42