Darwin (2011)

Darwin (2011)

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  2. 86 Minuten

Filmkritik: Sandbillies

Stolzer Eigenheim-Besitzer
Stolzer Eigenheim-Besitzer © Studio / Produzent

Inmitten der kalifornischen Mojave-Wüste, meilenweit von jeglicher Zivilisation, aber direkt neben einem geheimen Militärstützpunkt, liegt die Stadt Darwin. Stadt ist vielleicht ein wenig übertrieben, denn gerade mal 35 Bewohner zählt diese Ansammlung veralteter Häuser und heruntergekommener Wohnwagen. Früher eine Minenstadt, gibt es heute nur noch eine Arbeitsstelle in Darwin, die der Pöstlerin. Sie ist eine der vielen illustren Persönlichkeiten, die in dieser Schweizer Dokumentation zu Wort kommen.

Im letzten Leben eine Schildkröte
Im letzten Leben eine Schildkröte © Studio / Produzent

Der alte Monty lebt schon lange in Darwin und hat damals in den Minen der Gemeinde gearbeitet. Er erinnert sich an früher und erzählt seine Geschichten. Die Menschen, die neu nach Darwin gezogen sind, mag er nicht besonders leiden und geht ihnen lieber aus dem Weg. Hank und Connie führen Interessierte durch den Ort, doch die Anfrage ist gering. Sie leben mit ihrer transsexuellen Tochter und deren Freundin hier, während sie ihrem Hang zur Hexerei nachgehen. Doch wie sie selbst sagen, leben in Darwin Menschen wie du und ich.

Irgendwie unheimlich, die Leute von Darwin. Da kommen Filme wie The Hills Have Eyes oder Wrong Turn in den Sinn zu Beginn des Filmes, wenn man sich noch nicht mit den Figuren hat anfreunden können. Hier möchte man keine Autopanne haben. Doch im Verlaufe der Spielzeit kann man durchaus eine Sympathie für die hier gestrandeten Figuren entwickeln, deren geistige oder sonstige Verwirrtheit meist einen tieftraurigen Ursprung hat. Gewalt, Drogen oder Probleme in der Familie können ein Leben prägen, und in Darwin haben alle eine Chance auf einen Neustart. Hier können Rentner noch Hippies und Nudisten sein, sich Menschen mit Hexerei oder ihrer Transexualität befassen.

Der Zürcher Regisseur Nick Brandestini wandert auf einem schmalen Grat: Es wäre einfach gewesen, sich über die kurrligen Menschen lustig zu machen, doch Brandestini verzichtet darauf. Es gibt zwar viel zu schmunzeln, doch im Hintergrund liegt da immer die Traurigkeit dieser verlorenen Menschen, deren Integration in eine andere Gesellschaft als die Darwins wohl nicht einfach wäre.

Die ominöse Militärbasis wird als Spannungselement gut eingeflochten. Hier wurde ein kleines Bagdad aufgebaut, und alle möglichen Tests wurden durchgeführt. Die Bewohner von Darwin haben da so ihre eigenen verrückten Theorien. Offensichtlich digital gefilmt, ist Darwin optisch ein Erlebnis. Das scharfe, detailreiche Bild fängt die Trockenheit der Umgebung und die Hitze fühlbar ein. Zusammen mit dem Inhalt ergibt das eine äusserst spannende, witzige und auch traurige Doku, die man gesehen haben sollte. Der Film hat also verdient den Dokumentarfilmpreis am Zürcher Filmfestival 2011 abgeholt.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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