Chinese Take-Away - Un cuento chino (2011)

Chinese Take-Away - Un cuento chino (2011)

Chinese zum Mitnehmen
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  2. 93 Minuten

Filmkritik: Da fliegt die Kuh!

"So red doch mit dine Gspöönli!"
"So red doch mit dine Gspöönli!" © Studio / Produzent

Roberto (Ricardo Darín) führt ein kleines Eisenwarengeschäft und verbringt seine Tage damit, die zugestellten Schrauben zu zählen und sich mit nervigen Kunden abzuquälen. Er ist ein Einzelgänger und geniesst seinen bis ins Detail geplanten Alltag, der mit Tee und Brotrinde beginnt und mit einem deftigen Fleischgericht, Zeitungslesen und pünktlichem Lichtausschalten um 23 Uhr endet.

"Super, die Drecksarbeit bleibt wieder an mir hängen!"
"Super, die Drecksarbeit bleibt wieder an mir hängen!" © Studio / Produzent

Da bringt ein ihn ein Zufall mit Jun Quian (Ignacio Huang) zusammen, der ihm alles durcheinandermacht. Widerwillig nimmt sich Roberto des Chinesen an, der kein Wort Spanisch versteht und spricht. Seine Dankbarkeit zeigt dieser, indem er Robertos Alltag mitgestaltet und ihm dabei hilft, von seiner Vergangenheit loszukommen. Doch Roberto fühlt sich durch Jun in allem gestört. Er kann die Zweisamkeit nicht geniessen und setzt alles daran, sein früheres Leben in trauter Einsamkeit zurückzugewinnen. Doch Mari (Muriel Santa Ana), eine Frau, die schon länger eine Rolle in Robertos Leben spielt, ist begeistert von seiner Hilfsbereitschaft gegenüber dem Fremden.

Un Cuento Chino heisst übersetzt etwa "Ammenmärchen". Kein solches ist die Tatsache, dass Sebastián Borenszteins neuste Tragikomödie in Argentinien allein über eine Million Zuschauer in die Kinos lockte. Auch verschiedene Festivals haben den Film geehrt, unter anderem das Filmfestival von Rom.

Auch Ricardo Darín, der bereits in der Hauptrolle im Thriller El Secreto de Sus Ojos glänzte, gewann für Un Cuento Chino den nationalen Filmpreis Argentiniens als bester Hauptdarsteller. Und das zurecht: Der Argentinier überzeugt mit seiner unaufdringlichen Art. Sofort spürt man, dass die Zeit für den Protagonisten Roberto stillsteht und er mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart lebt. Auch Ignacio Huang, der den Chinesen Jun Quian spielt und Robertos Leben auf den Kopf stellt, schliesst man sofort ins Herz.

Leider bedient der Film zu viele Klischees. Damit wirkt der durchaus interessante Aspekt von zwei völlig verschiedenen Kulturen, die aufeinandertreffen, ein wenig zu überspitzt und kann gar als rassistisch betrachtet werden. Und doch zeigt es, wie wohl viele Leute die Chinesen als ein homogenes Volk wahrnehmen, in dem sich die einzelnen Menschen kaum voneinander unterscheiden. Der schwarze und oft sehr leise Humor macht die Komödie aber dennoch sehr unterhaltsam, so dass man auch die unzähligen Zufälle und skurrilen Situationen irgendwann akzeptiert - der Film heisst ja schliesslich schon Un Cuento Chino, also "Lügengeschichte".

Dennoch hätte Sebastián Borensztein ein wenig mehr Tiefe an den Tag legen und das Ende ein wenig unvorhersehbarer gestalten dürfen. So bleibt der Chinese eigentlich bis zum Schluss unverstanden, und sein Charakter zeugt nicht gerade von grosser Komplexität. Dass Borensztein noch ein wenig argentinische Geschichte mit in den Film einfliessen lässt, ist zwar interessant, doch wem der Konflikt zwischen Argentinien und Grossbritannien um die Falklandinseln im Jahr 1982 kein Begriff ist, der wird auch nach Un Cuento Chino nicht schlauer sein. Dies verhilft dem Film daher nicht zu mehr Tragweite.

Fazit: Un Cuento Chino ist eine sehr unterhaltsame Tragikomödie mit viel subtilem Humor, aber leider auch allzu vielen Klischees. Die Art, wie Roberto mit Jun Quian umgeht, dürfte die Zuschauer durchaus kritisch das eigene Bild von Asiaten überdenken lassen. Der Film ist ein Aufruf zu Individualität und Solidarität zugleich - und das auf eine sehr humorvolle Art.

/ stb

Trailer Deutsch, 02:15