Atmen (2011)

Atmen (2011)

  1. 94 Minuten

Filmkritik: Take my breath away

"Aha! Karies!"
"Aha! Karies!"

Der 19-jährige Roman Kogler (Thomas Schubert) sitzt schon seit vier Jahren in der Jugendstrafanstalt in der Nähe von Wien. Während die anderen Jugendlichen sich bemühen, so schnell wie möglich auf Bewährung rauszukommen, zeigt Roman kein grosses Interesse daran. Ihm gefällt es im Gefängnis, da er mit der Aussenwelt nicht viel anfangen kann. Als sein Bewährungshelfer ihm nahe legt, einen Job zu finden, bewirbt sich Roman auf eine Zeitungsannonce eines Bestattungsunternehmens.

Under water planking
Under water planking

Obwohl es alle vorerst für einen Scherz halten, tritt Roman wenig später dort an. Die Begrüssung durch seine Arbeitskollegen fällt jedoch wenig herzlich aus, und noch hat Roman Probleme beim Anblick von toten Menschen. Doch trotzdem will er sich beweisen, was sein Kollege Rudolf (Georg Friedrich) bemerkt. Dieser will Roman helfen, zurück ins Leben zu finden. Doch Roman kann sich noch nicht von seiner Vergangenheit lösen.

Karl Markovics hat mit seiner Hauptrolle in Die Fälscher eine überzeugende Visitenkarte abgegeben, die sich durch den Oscargewinn des Streifens weltweit verteilte. Doch statt wie sein österreicherischer Kollege Christoph Waltz den Lockrufen Hollywoods zu folgen, blieb er in der Heimat und bereitete seine erste Arbeit als Regisseur und Drehbuchautor vor. Ein Glückfall für alle Freunde von subtilen Dramen, denn sein Film Atmen ist die nächste aufsehenerregende Kostprobe seines Schaffens.

Um seine Geschichte zu erzählen, braucht Markovics dabei nicht viele Worte. Indem er zu Beginn nicht enthüllt, warum Roman überhaupt in Haft ist, weckt er das Interesse des Publikums. Man möchte mehr über diese stille Person erfahren, die von aussen völlig normal wirkt, aber etwas getan haben muss, was eine mehrjährige Strafe rechtfertigt.

Das Tempo des Filmes ist derweil alles andere als rasant. Markovics nimmt sich viel Zeit, um den kalten Winter in Wien einzufangen und auch die Kälte einiger Figuren aufzuzeigen. Umso schöner ist es da, wenn etwas Wärme in den Film kommt. Eine Szene, in welcher der Hauptprotagonist auf eine junge englischsprachige Frau trifft und mit ihr wortlos (da er nie Englisch gelernt hat) ein paar Minuten verbringt, bleibt besonders in Erinnerung. Die stillen Szenen sind ohnehin die Stärken des Filmes. Eine Tauchsequenz, in der sich Roman auf den Grund des Beckens niederlässt und dort eine Zeitlang verweilt, hat etwas Magisches an sich. Diese Szenen lassen sich mit dem Filmtitel wunderbar deuten, doch das möchten wir an dieser Stelle nicht tun, denn sonst würde dieser Text viel zu viele Spoiler enthalten.

Am erstaunlichsten ist es aber, dass Thomas Schubert, ansonsten als Stunt-Double tätig, die Hauptrolle dermassen sicher meistert. Viel Text hat er zwar wie erwähnt nicht, doch sein Blick hat etwas Verletzliches und leicht Verzweifeltes an sich. Ihn zu durchschauen fällt schwer, doch dies ist von Markovics genau so beabsichtigt. Denn wieso sollte er das gleich enthüllen, wenn er mit der Einführung in die Welt der Bestatter noch zusätzlich ein weiteres interessantes Themenfeld bietet und so den Zuschauer bei der Stange halten kann?!

Fazit: Atmen ist ein ruhiges Drama um einen Jungen, der sich versucht zurück in die Gesellschaft zu kämpfen. Das Erzähltempo ist jedoch gewöhnungsbedürfig, lässt aber einzelne Sequenzen umso besser werden. Bewusst wird dies einem jedoch erst nach dem Kinobesuch, wenn man Zeit gehabt hat, den Film zu verarbeiten und die Zeichen zu deuten. Bleibt zu hoffen, dass Markovics noch mehr solche tollen Visitenkarten in der Hinterhand hat.

/ crs

Kommentare Total: 3

fanya

Gute Geschichte! Wunderbar inszeniert.

El Chupanebrey

Grossartiges naturalistisches Drama mit faszinierender Bildsprache, durchsetzt von klassisch österreichischem Schalk, der auch in einer Wolf-Haas-Verfilmung nicht fehl am Platz wäre. Hat ausnehmend gut gefallen.
5.5

[Editiert von El Chupanebrey am 2012-02-26 14:41:48]

crs

Filmkritik: Take my breath away

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Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:59