L'Apollonide (Souvenirs de la maison close) (2011)

L'Apollonide (Souvenirs de la maison close) (2011)

Haus der Sünde
  1. 122 Minuten

Filmkritik: Pariser Puff-Poesie

Warten auf Kundschaft...
Warten auf Kundschaft... © Studio / Produzent

Während der Jahrhundertwende vom 18. ins 19. Jahrhundert heuert die Näherin Pauline (Iiliana Zabeth) in einem Bordell in Paris an. Die 16-Jährige wird von der Bordellbesitzerin Marie-France (Noémie Lvovsky) für gut befunden und von ihrer neuen Kollegin Samira (Hafsia Herzi) eingeführt in die Wasch- und Parfümierungsgepflogenheiten des Hauses. Schon ist sie bereit für das erste Champagnerbad mit einem Freier. Denn es handelt sich um ein edles Puff mit samtenem Salon, genügend Auswahl an Damen und wenigen Freierswünschen, die nicht berücksichtigt werden könnten.

... macht zusammen mehr Spass.
... macht zusammen mehr Spass. © Studio / Produzent

Trotz der strengen Chefin, die einen Grossteil des eingenommenen Geldes einsackt, versteht man sich unter den Mädchen bestens. Einen besonderen Status hat die missgestaltete Madeleine (Alice Barnole), der von einem Freier das Gesicht zerschnitten wurde. Sie darf zwar im Bordell bleiben, muss sich aber nur prostituieren, wenn ein Kunde explizit auf "Die Frau, die immer lacht" besteht. Sie macht stattdessen die Wäsche, denn ausserhalb des Bordells haben die Mädchen keine Chance. Die Angst vor dem Abgleiten in die Illegalität ist gross, und keine will in einem schmutzigen Bordell in Marseille enden. Doch Marie-France hat die Finanzen nicht mehr in Griff, und dem Apollonide droht das Aus.

Früher war wohl alles besser, scheint der Regisseur Bertrand Bonello (De la Guerre) sagen zu wollen, wenn er zum Filmende auf den Pariser Strassenstrich von heute wechselt, wo alles weniger exquisit wirkt als während der zwei Stunden Filmdauer zuvor. Das dreistöckige Haus, in dem die Prostituierten des Apollonide arbeiten, wirkt in der Tat edel. Die Kunden sind bis auf eine grobe Ausnahme anständige Herren, die gerne auch einmal einen schwarzen Panther an die Abende im Puff mitbringen. Freier Blick auf die Brüste der Darstellerinnen ist auch garantiert, obwohl man sich dazumal wegen der vielen Knöpfe auf den Kleidern nicht komplett auszog beim Sex. Der Film behauptet sogar, dass ein Puff damals auch besucht wurde, weil man nur dort Frauen ohne Korsett betrachten konnte.

Bonello hat sich anhand des Buches "Daily Life in the Bordellos of Paris, 1830-1930" von Laure Adler über das Sex-Gewerbe von damals informiert und blendet auch die die Unannehmlichkeiten des Jobs nicht aus. Diese reichen vom blauen Flecken bis zu einer bösen Messerattacke, welche eine der Frauen so verunstaltet, dass sie mehr als die Hälfte des Films mit Joker-Fratze herumlaufen muss. Wichtiger ist Bornello aber, eine Stimmung zu vermitteln anstatt einer konkreten Handlung. Die Mädchen haben zwar alle rudimentäre Biographien, agieren aber meist als Ensemble im Salon, beim Essen oder einem sommerlichen Badeausflug. Gross ist die gemeinsame Angst vor den gynäkologischen Untersuchungen, die alle über sich ergehen lassen müssen. Wenn die Frauen alleine gezeigt werden, dann meist in bizzaren Rollenspielen, wie sie damals schon gefordert waren. Als lebendige Porzellan-Puppen oder als Geisha, welche den Kunden auf Japanisch bedienen soll.

L'apollonide ist eine historisch korrekte Darstellung des Innenlebens eines Puffs zum Ende des vorletzten Jahrhunderts, die ganz auf schwelgerische Stimmung setzt und diese am besten erreicht, wenn cooler Rocksound aus einer ganz anderen Zeit ertönt ("Nights in White Satin" von Moody Blues). Erotisierend ist das trotz viel nackter Haut nicht wirklich, aber die Darstellerinnen, Laien und Schauspielerinnen gleichermassen, können in diesem Film auch mehr als nur nett auszusehen, obwohl letzteres für einen Grossteil des Publikums wohl die einzig entscheidende Qualität ist, sich einen Film zu diesem Thema anzuschauen.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter