Transfer (2010)

Transfer (2010)

Oder: Aussen schwarz, innen weiss

Picknick zu zweit/viert

Picknick zu zweit/viert

Deutschland in der nahen Zukunft: Herrmann Goldbeck (Hans-Michael Rehberg) und seine Frau Anna (Ingrid Andree) haben ein langes, glückliches Leben miteinander verbracht. Im hohen Alter erkrankt Anna an Krebs und hat nur noch wenige Monate zu leben. Ihr Mann überredet sie zu einer radikal neuen Massnahme gegen das Altern: Sie kaufen sich neue, junge Körper. Die Gentechnikfirma "Menzana" hat es geschafft, die Persönlichkeit eines Menschen in andere, gesunde Körper zu transferieren. Für eine Million Euro können reiche Europäer ihr Bewusstsein in die Körper armer Afrikaner oder Asiaten transferieren, die damit ihren Familien ein besseres Leben ermöglichen wollen. Zwanzig Stunden am Tag gehört der Körper den neuen Besitzern; nur während vier Stunden in der Nacht kehrt das Bewusstsein der Spender in ihre eigenen Körper zurück.

Gemischtes Doppel in der nahen Zukunft

Gemischtes Doppel in der nahen Zukunft

Die Goldbecks erhalten die Körper von Apolain (B.J. Britt) aus Mali und der Äthiopierin Sarah (Regine Nehy). Erst geniesst das verjüngte Paar seinen zweiten Frühling aus vollen Zügen. Doch bald tauchen Fragen auf: Wer sind diese unbekannten Spender, und was hat sie zu einem solch radikalen Schritt getrieben? Als sich Sarah und Apolain ineinander verlieben, beginnt Herrmanns Eifersucht. Das junge Paar sucht deshalb fieberhaft nach einem Ausweg aus seiner Gefangenschaft.


Film-Rating

In einer Zeit, in der grosse Sommerblockbuster immer mehr mit fetten Special Effects um sich werfen und die Story oft scheinbar erst ganz zuletzt auf das visuelle Spektakel obendrauf gepappt wird, ist es schön, ab und zu mal wieder einen Film zu entdecken, der auf solche visuellen Umsetzungsorgien verzichten kann. Die deutsche Produktion Transfer nutzt die wenigen zur Verfügung stehenden Mittel geschickt aus, um eine fast schon klassische Soft-Science-Fiction-Story zu erzählen. Wie der Bewusstseinstransfer konkret funktionieren soll, wird nämlich kaum thematisiert - und das braucht es auch gar nicht. Auf Special Effects und Techno-Schwof hat man bewusst verzichtet, um die Grundidee vor allem auf philosophischer und emotionaler Ebene auszuleuchten.

Entstanden ist so ein Film, der Themen wie die Angst vor dem Altern, Organhandel, Armut und die Ausbeutung der entwickelnden Länder durch den Westen behandelt und konsequent weiterspinnt. Die SF-Elemente sind dabei fast nur noch ein durchsichtiges Kleid über dem menschlichen Drama um die vier Hauptfiguren.

Vier Menschen, die sich zwei Körper teilen - das tönt komplex und ist auch ansprechend und mitreissend inszeniert. Die schauspielerischen Leistungen sind solide. Das ältere Darstellerpaar, das nach dem Anfang fast nur noch in kurzen Traumsequenzen oder in Dialogpassagen vorkommt, zeichnet innerhalb weniger Szenen ein klar umrissenes Persönlichkeitsbild: Reich, gebildet, aber auch naiv, egoistisch und - wie eigentlich alle hellhäutigen Figuren im Film - mit tiefsitzend bevormundenden respektive rassistischen Vorstellungen von "armen, ungebildeten Afrikanern". Diese Charaktere werden dann nach dem Bewusstseinstransfer von den beiden jungen, dunkelhäutigen Darstellern übernommen, die beide die schwere Aufgabe haben, eine Doppelrolle zu verkörpern, ohne dabei ihr Aussehen zu verändern. Vor allem Apolain/Herrmann-Darsteller B.J. Britt überzeugt dabei; dies auch, weil sich die beiden Figuren, die sich den Körper teilen, nicht unterschiedlicher sein könnten.

Wenn menschliche Körper zur Ware werden, wenn Eifersucht über Taten des "eigenen" Körpers auftaucht und grosse Konzerne die Macht über menschliche Körper und potenziell ewiges Leben erhalten, macht das nachdenklich. Transfer erweist sich als konsequent umgesetzte, sorgfältig zu Ende gedachte Was-Wäre-Wenn-Zukunftsalbtraumvision. Mit wenigen Darstellern, einer gekonnt eingesetzten Minimalkulisse und ohne Spezialeffekte kann eine packende, sehenswerte Geschichte erzählt werden, die auch visuell überzeugen kann.


OutNow.CH:

Bewertung: 4.5

 

11.07.2010 / pps

Community:

Bewertung: 4.0 (6 Bewertungen)

 

 

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