Tournée (2010)

Tournée (2010)

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  2. 111 Minuten

Filmkritik: Striptease-Tour de France

America, the beautiful.
America, the beautiful. © Studio / Produzent

Joachim Zand (Mathieu Amalric) ist der Manager einer amerikanischen "New Burlesque"-Truppe. Seine aufgeweckten und -gebrezelten Stripperinnen begeistern das Publikum, indem sie ihre meist üppigen Kurven zu schmissigen Gassenhauern präsentieren. Sie tragen Namen wie Mimi Le Mieux, Kitten on the Keys oder Dirty Martini und sind alte Häschen im Geschäft. Ein paar Männer gehören auch zur Show. Die extrovertierten sind Teil des Programms (Roky Roulette), die weniger mutigen fungieren als Bühnenhelfer und Aufpasser. Auf einer Tour durch französische Kleinstädte geht es rund. Und man freut sich auf den grossen Höhepunkt in Paris.

Er hat voll den Schnauz.
Er hat voll den Schnauz. © Studio / Produzent

Die Tournée durch seine Heimat hat Joachim organisiert. Für den ehemals erfolgreichen Fernsehproduzenten bedeutet die Reise eine Rückkehr in seine Vergangenheit. Er hat Streit mit seinem Bruder, eine Scheidung hinter sich, zwei Kinder, die er fast nie sieht, und überall Schulden. Das macht es teilweise schwierig, an geeignete Lokale für die Show zu kommen, und oft enden die Verhandlungen in massivem Streit. Doch die Herzen seiner Stripperinnen sind fast genau so gross, wie ihr Busen. Wäre doch gelacht, wenn man nicht zusammenhalten würde.

Mathieu Amalric, der einstige Bond-Bösewicht (Quantum of Solace), versucht sich nach achtjähriger Pause auch wieder mal als Regisseur eines Spielfilms und hat dabei den schrillen Glamour des "New Burlesque" entdeckt. Diese verückte Art des Strippens wurde vor allem durch Dita von Teese einem breiteren Publikum bekannt (Stichwort: Schwingende Zötteli an den Nippeln). In Tournée gehen richtige Vertreterinnen aus dieser Show-Sparte zu Werke und zeigen schamlos ihr Können: beispielsweise in einem riesigen Luftballon zu "Moon River", mit einer vermeintlich abgehackten Hand als Bühnenpartner; oder als vulgäre Version des Sonnenkönigs, der sich zu "Louie Louie" entkleidet. Eine der Damen im Film definiert das Ganze als niemals endende Kostümparty, bei der die Frauen das Sagen haben. Richtig, denn würde es nach dem allgemeinen Männergeschmack gehen, wären dünnere Frauen angesagt. Aber gerade die üppigen Rundungen der Burlesque-Damen machen einen grossen Teil ihrer Faszination aus.

Eher zu den Leichtgewichten - schlicht im körperlichen Sinne - gehört Mathieu Amalric. Müsste im Wörterbuch das Wort "Knilch" bebildert werden, wäre ein Foto des französischen Schauspielers nicht die schlechteste Wahl. Auch als Regisseur und Autor reisst er nicht gerade Bäume aus. Immer, wenn im Film die Schwermut des gescheiterten Joachim gezeigt wird, flacht die Spannung ab. Die ersten Anzeichen einer Depression beim Produzenten bleiben bruchstückhaft und episodenartig. Zwar sind einzelne Szenen voller Humor, vor allem, wenn Joachims zwei Söhne ins Spiel kommen, aber insgesamt wirkt es unausgegoren. Obwohl Amalric sein Schauspieltalent nicht versteckt, wünscht man sich immer dann, wenn er mal wieder alleine auf der Leinwand erscheint, seine burlesken Babes zurück. Als Hahn im Korb und Verwalter einer aufgetakelten Frauenrunde (ein Sack voll Flöhe muss ein Kinderspiel sein dagegen) holt er sich das dritte Bewertungssternli doch noch.

Tournée von Regisseur und Hauptdarsteller Mathieu Amalric funktioniert besser als Blick hinter die Kulissen einer Burlesque-Show als das Männerdrama, das der Film gleichzeitig auch noch sein will. Dass die Stripperinnen den Geschmack des Leimes lieben, mit dem sie sich die Nippel abdecken, ist allemal die frischere Info als schon oft gesehene männliche Midlife-Krisen. Und die Strip-Shows machen Lust auf mehr "New Burlesque", auch wenn sie statt erotisch vor allem witzig sind.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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Trailer Französisch, 01:49