Sennentuntschi (2010)

Sennentuntschi (2010)

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  2. 110 Minuten

Filmkritik: Bündner Schlachtplatte

"Hast du grad 'hallo Puppe' gesagt?"
"Hast du grad 'hallo Puppe' gesagt?" © Studio / Produzent

1975, im Bündner Bergkaff Trepunt: In der Kirche wird der Sigrist erhängt aufgefunden - offenbar Selbstmord. Während des Trauerzuges taucht im Dorf eine zerlumpte junge Frau (Roxane Mesquida) auf. Mit ihrem wilden Äusseren macht die stumme Unbekannte den Dorfbewohnern von Beginn weg einen unheimlichen Eindruck. Deshalb ist man bald überzeugt, dass die Frau, die anscheinend von der nahe gelegenen Höhenalp gekommen ist, vom Teufel besessen und für den Tod des Kirchdieners verantwortlich ist. Nur Dorfpolizist Reusch (Nicholas Ofczarek) glaubt nicht an Spukgeschichten und nimmt sich ihrer an.

Wenn der Berg ruft: Ruf zurück!
Wenn der Berg ruft: Ruf zurück! © Studio / Produzent

Reusch macht sich auf den Weg auf die Höhenalp. Dort findet er ein leeres Haus und ein verglühtes Kaminfeuer vor - offenbar ist Senn Erwin (Andrea Zogg), der die Alp mit dem stummen Jungen Albert (Joel Basman) bewohnt, gerade auf der Jagd. Was der Polizist nicht weiss: Die beiden Sennen und der welsche Landdienstler Martin (Carlos Leal) haben sich im Absinth-Rausch ein "Sennentuntschi" gebastelt. Diese Puppe soll - so die Sage - dereinst lebendig geworden und von drei Sennen brutal erniedrigt worden sein, worauf sie sich blutig gerächt hat. Ob das Sennentuntschi nun auch auf der Höhenalp lebendig geworden ist...?

Spätestens, wenn Carlos Leal begleitet von Serge-Gainsbourg-Klängen aus dem gelben Postauto steigt, weiss man: Ja, Michael Steiner war wieder am Werk! Wie schon in Mein Name ist Eugen manifestiert sich auch in seinem neuen Film die Detailverliebtheit, mit der die Schweiz vergangener Tage in Szene gesetzt wird. Vor minoren Fehlern ist man da nicht gefeit, beispielsweise wenn in einer Szene plötzlich eine Zeitung ihren Namen ändert. Macht nichts, denn die wohlig-warme Retro-Schweiz-Atmosphäre ist wunderbar wiedergegeben. Nur schon deswegen ist es lohnenswert, sich den Film anzuschauen, der uns aus bekannten Gründen so lange vorenthalten wurde.

Mit Sennentuntschi verabschiedet sich Steiner freilich vom netten Lausbubenfilm und präsentiert stattdessen einen auf einer tatsächlich existierenden Sage beruhenden Mystery-Thriller. Ein in der Schweiz rares Genre, obwohl sich unheimliche Berg-Mythen geradezu dafür anbieten. Man erinnere sich an Marmorera. Und die Parallelen zwischen den beiden Filmen sind unübersehbar: eine schöne Unbekannte, eine schaurige Sage und ein abgelegenes Bergdorf - alles da. Selbst die Gesichter der Dorfbewohner kommen einem bekannt vor. Wen wundert's, sind Hanspeter Müller, Ueli Jäggi und Peter Jecklin doch hier wie dort mit von der Partie.

Die Hauptrollen gehören allerdings anderen. Primär der Französin Roxane Mesquida, die ihre stumme Rolle ausschliesslich mit Mienenspiel und Körpersprache interpretieren muss und dies auf beeindruckende Art und Weise tut. Ihr zur Seite stehen drei unterschiedliche Schweizer: Während dem Bündner Andrea Zogg der knorrige Alpsenn auf den Leib geschrieben scheint, ist es doch etwas überraschend, dass auch die Stadtbuben Carlos Leal und Joel Basman in ihren Rollen vollauf überzeugen. Der Österreicher Nicholas Ofczarek schliesslich spielt den naiven Dorfpolizisten mit einer bedächtigen Tapsigkeit, was ihn zwar nur beschränkt heldentauglich macht, aber der Rolle durchaus entspricht.

Nicht erst seit Eugen ist Michael Steiner bekannt für seine "unschweizerischen" Filme. Und tatsächlich: Sennentuntschi ist rasant inszeniert, zackig geschnitten und hat einen ansprechenden Soundtrack - und genau in dieser "amerikanischen" Rasanz hebt er sich auch von Filmen wie Marmorera ab. Auch die zeitversetzte Erzählweise der beiden Handlungsstränge ist clever und sorgt für Spannung. Wenn am Ende einige wenige inhaltliche Ungereimtheiten bestehen bleiben, ist das nicht zu tragisch. Der Film ist Popcornkino im besten Sinne. Einige deftige Szenen mögen zwar dazu führen, dass sich der eine oder andere am Popcorn verschluckt, doch allzu übel wird's nicht.

Ein Horrorfilm ist Steiners Werk nämlich definitiv nicht. Dafür aber ein durch und durch stimmiger Mysterythriller, der - misst man ihn an Hollywood - das Rad nicht neu erfindet, doch zumindest für die Schweiz neue Massstäbe setzt. Da sieht man dem Regisseur auch den Gag nach, in der Eingangsszene das garantiert unbündnerische Matterhorn in den idyllischen Berghorizont hineinzukleben.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Kommentare Total: 26

Mave

So, jetzt habe ich diesen Flm auch endlich gesehen. Unterhaltsam ist er, leidlich spannend auch und es gibt sogar gewisse Überraschungsmomente. Dafür respekt, auch für die handwerklich saubere Produktion. Aber machen wir uns nichts vor: leidlich spannende psychothriller mit einem Twist am Ende werden in den USA nun wirklich am laufmeter produziert, also macht diesen Film nicht zu etwas was er nicht ist, nur weil er aus der Schweiz kommt und auf einer Alp spielt...

Was für mich noch unklar ist:

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als der Polizist am Schluss die 3 Leichen findet - das sind die Jäger aus der jagdhütte, die der Pfarrer angezündet hat, korrekt? - läuft er nachher noch etwas weiter, sieht etwas schockierendes und erschiesst sich darauf. Was genau sieht er? Das abgestürzte und zerschmetterte "sennentuntschi" ? Falls ja, wieso schockiert ihn das so? Hat er angenommen, dass sie nach einem 50 Meter Sturz unverletzt daliegt??diese Handlung kann ich nicht nachvollziehen. Und: welches Skelett entdeckt das Mädchen ganz am Schluss in der felsspalte? Das sennentuntschi ( die Mutter) oder das sennentuntschi ( die Tochter) ?

Vielleicht kann mich ja jemand aufklären...

Gruss Mave

RandyMeeks

Stimme dem Kritiker mehr oder weniger zu! Klasse Film, die Schweiz kann mehr als nur seichte Unterhaltung a la Lüthy & Blanc, Schweizermacher und Champions, etc...

Nur eines ist mir aufgefallen:

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"angedeutete" Vergewaltigung?!
Also auf meiner DVD ist das mehr als eindeutig! Die Szene mit Andrea Zogg und die Doppelvergewaltigung, da kann man ja nur schwer noch von "angedeutet" sprechen.

muri

Blu-ray-Review: Auf der Alm da gibts eigentlich koa Sünd...

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Trailer Schweizerdeutsch, 02:10