La nostra vita (2010)

La nostra vita (2010)

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  2. 98 Minuten

Filmkritik: Beerdigung mit Tschusi-Pop

Rückenmassage, Variante "Metzger"
Rückenmassage, Variante "Metzger" © Studio / Produzent

Der junge Familienvater Claudio (Elio Germano) arbeitet auf einer Baustelle in der Agglo von Rom. Seine Frau Elena (Isabella Ragonese) ist hochschwanger mit dem dritten Kind. Die beiden freuen sich auf darauf und schmieden gemeinsam Zukunftspläne. Doch dann geschieht das Unfassbare: Bei der Geburt tauchen unvorhergesehene Komplikationen auf - das Kind ist wohlauf, aber Elena stirbt.

Vom Vater zum Sohn: der Unterleibchen-Look
Vom Vater zum Sohn: der Unterleibchen-Look © Studio / Produzent

Doch Claudio ist fest entschlossen, diesen Schicksalsschlag wie ein Mann hinzunehmen und nicht Trübsal zu blasen. Mit verbissener Energie stürzt er sich in sein neues Leben als Witwer und alleinerziehender Papa. Mithilfe einer kleinen Erpressung trotzt er seinem Chef (Giorgo Colangelli) die Verantwortung für eine eigene Baustelle ab, beschafft sich beim Nachbar Ari (Luca Zingarelli) ein Startkapital, rekrutiert die Arbeiter und treibt diese an. Doch dann geraten die Dinge ins Stocken, und Claudio ist auf die Hilfe seiner Geschwister angewiesen.

Die Hauptfigur im Film von Daniele Luchetti ist ein einfacher Mann - nett ausgedrückt. Etwas weniger nett ausgedrückt: ein klassischer Proll. Bauarbeiter, noch keine 30, in der Agglo wohnend, jung verheiratet und bald dreifacher Familienvater, trällert er mit seiner Frau am liebsten zu seichten Italo-Popschnulzen. Dieselben Popschnulzen, die nach ihrem plötzlichen Tod an der Beerdigung gespielt werden, während sich Claudio dazu lauthals den Frust aus der Seele schreit. Spätestens in dieser Szene wird klar: La nostra vita ist eine One-Man-Show von Hauptdarsteller Elio Germano. Überzeugend, mit welch aggressiver Energie er die verbissene "Das Leben geht weiter"-Attitüde verkörpert.

Entsprechend zum Filminhalt sind auch die filmischen Mittel, derer sich Luchetti bedient, unterschichtstypisch: verwackelte, teils unscharfe Handkamerabilder und ein Soundtrack, der ausser den erwähnten Italo-Popsongs ein simples Hauptthema enthält, das ein bisschen so tönt, als wäre es auf einem marktüblichen Keyboard komponiert und eingespielt worden. Das verleiht dem Film eine billige Schmuddelatmosphäre, trägt aber massgeblich dazu bei, dass er authentisch wirkt. Auch wenn die Wackelbilder nach einer Weile auf die Nerven gehen.

La nostra vita vermittelt zudem die typisch italienische "Ma-Che-Vuoi?"-Atmosphäre, die geprägt ist von langen Reden und wenig Substanz. Sei es auf der dreckigen Baustelle oder im trauten Familienkreis. In die trostlose Agglo-Umgebung eingebettet, zeigt der Film das Drama eines Mannes, der sich nicht helfen lassen will, bevor er merkt, dass es nicht anders geht. Herausgekommen ist ein konsequent umgesetztes Unterschichtsdrama mit einem omipräsenten Hauptdarsteller.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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