Le nom des gens (2010)

Le nom des gens (2010)

Der Name der Leute
  1. 100 Minuten

Filmkritik: Politische Argumentationstechniken, Lektion 1

Der sterbende Schwan - leider schon tot.
Der sterbende Schwan - leider schon tot. © Studio / Produzent

"Make love, not war" - dieses alte Hippie-Motto nimmt Baya Benmahmoud (Sara Forestier) wörtlich. Und so hat es sich die junge, attraktive und extrovertierte Chaotin zum Ziel gemacht, möglichst viele Männer, deren Weltbild dem ihren diametral gegenübersteht, zu "bekehren". Und zwar nicht etwa, indem sie mit ihnen diskutiert, sondern indem sie mit ihnen schläft. In ihrer Mission ist sie äusserst erfolgreich und hat schon zahlreiche verknorzte Spiesser zu alternativen Lebemännern umgemodelt.

Gut, wenn man handwerklich begabte Männer im Haus hat...
Gut, wenn man handwerklich begabte Männer im Haus hat... © Studio / Produzent

Arthur Martin (Jacques Gamblin) ist einer dieser Männer - zumindest denkt das Baya, als sie ihn das erste Mal trifft: ein leicht verstockter Experte für Vogelkrankheiten mit einem Allerweltsnamen, den er mit über 10'000 Männern in Frankreich teilt. Doch nachdem Baya ihn verführt hat, realisieren die beiden, dass sie mehr gemeinsam haben als zunächst angenommen. Und so verlieben sie sich ineinander - doch bei diesem ungleichen Paar sind Turbulenzen vorprogrammiert...

Was auf dem Papier nach einer dieser häufig etwas bemühten Ungleiches-Paar-Liebeskomödien aussieht, entpuppt sich als eine wunderbar erfrischende, unverkrampfte und dennoch tiefsinnige Tragikomödie, in der sich die Tränen des Lachens mit denjenigen der Rührung vermischen. Selbst wenn der Film einige Anspielungen auf das politische Tagesgeschehen in Frankreichs jüngster Vergangenheit enthält, die für Outsider wohl nur mässig interessant sind: Le nom des Gens ist auch für Nicht-Franzosen empfehlenswert - und auch wer von Lionel Jospin noch nie etwas gehört hat, muss doch einen gewissen Respekt bezeugen vor der grossen Portion Selbstironie, mit welcher der französische Ex-Premier seinen Gastauftritt absolviert.

In der ersten Viertelstunde wird gleich die Pace vorgegeben, als in Rückblenden die Geschichte der Eltern von Baya und Arthur aufgerollt wird, die nicht frei ist von tragischen Elementen; sei es die Deportation von Arthurs jüdischen Grosseltern in der Nazizeit oder die Bürgerkriegsgräuel, die Bayas Vater in Algerien hat miterleben müssen. Dennoch sprühen diese Rückblenden vor Humor, ohne dass irgendetwas ins Lächerliche gezogen würde. Die Figuren aus den Rückblenden werden dann gleich für den restlichen Film adaptiert und erhalten immer wieder Gastauftritte in einzelnen Szenen.

Die impulsive Sara Forestier und der reservierte Jacques Gamblin ergänzen sich hervorragend in den Hauptrollen. Erwähnenswert sind daneben aber auch die vier Darsteller der Eltern: Carole Franck als überdrehte Hippie-Mutter, Zinedine Soualem als freundlicher algerischer Einwanderer, der immer an andere, aber nie an sich selbst denkt; Michelle Moretti als Arthurs jüdischstämmige Mutter, die das traurige Geheimnis ihrer Familie in sich hineinfrisst; und schliesslich Jacques Boudet als leicht spiessiger, technikbegeisterter Kerningenieur. Alle sie verkörpern mit einem feinen Augenzwinkern bestimmte Typen von Menschen, die uns bekannt vorkommen und die trotz ihrer Fehler und Macken einfach ins Herz geschlossen werden müssen.

Mit Le nom des gens ist Michel Leclerc ein charmanter Film voller origineller Einfälle gelungen, der ernste Themen auf eine unterhaltsame und witzige Art aufgreift, ohne diese mit dem Satireschlaghammer zu malträtieren. Stattdessen bietet er einige "Magic Moments", und dies ohne je auf die Tränendrüsen zu drücken. Diese kommen ohnehin von selbst. Sehr empfehlenswert!

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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