Mirages (2010)

Mirages (2010)

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  3. 100 Minuten

Filmkritik: Ein Haufen Haufen

Legoland im Steinzeitalter
Legoland im Steinzeitalter © Studio / Produzent

Bei Saïd (Aïssam Bouali) hat der Alltagstrott überhandgenommen: Sein Job als Callcenteragent bringt ihm weder Spass noch genügend Geld, um seiner Frau und dem ungeborene Kind einen angemessenen Lebenstandard zu bieten. Also beschliesst er, sich für die ausgeschriebene Stelle bei eines globalen Konzerns zu bewerben und wird prompt zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Natürlich ist Saïd nicht der einzige Bewerber, und als er eintrifft, sitzen seine Mitstreiter bereits da. Man begrüsst sich und plaudert ein wenig, nur um wenige Minuten später mitgeteilt zu bekommen, dass aus dem Bewerbungsgespräch ein Bewerbungstest gemacht wird.

Die fünf Kandidaten sollen mit einem Bus an einen unbekannten Ort gefahren werden. Da kommen sie aber nie an, denn der Bus verunfallt. Verletzt, aber lebendig müssen die fünf Kandidaten feststellen, dass sie sich mitten in der Wüste Marokkos befinden, ohne Fahrer und ohne Handy, lediglich vier Flaschen Wasser im Gepäck. Was nun? Warten, oder versuchen, sich selber zu helfen? Auf ihrer Odyssee durch die sengende Wüstenlandschaft Nordafrikas holt die Vergangenheit jeden einzelnen ein. Vertrauen wird allmählich zu Paranoia, und die niederen Instinkte treten zu Tage. Plötzlich ist das oberste Ziel nicht mehr, den Job zu ergattern, sondern nur noch das nackte Überleben zu sichern.

Dass Regisseur Talal Selhami nur wenig Zeit und noch viel weniger Geld für sein Filmprojekt zur Verfügung hatte, sieht man dem Film optisch leider sofort an. Diese mangelhafte Optik ist es auch, welche den Hauptkritikpunkt an Mirages ausmacht. Die ungewollt wackeligen Bilder ausserhalb der Wüstenszenerie, unsaubere Farben und übertrieben klare Aufnahmen zu Anfang und Ende erinnern mehr an eine argentinische Seifenoper als an einen Thriller, der die dunklen Seiten der menschlichen Psyche beleuchten soll.

Ansonsten kann man aber nicht viel bemäkeln. Die Story geht in sich auf, auch wenn nicht alle Aktionsstränge erklärbar sind (müssen sie auch nicht!), und die schauspielerischen Leistungen sind durchs Band weg sehr professionell und glaubwürdig. Natürlich wird man bei dieser "man lässt eine Gruppe Menschen in einer Extremsituation zurück"-Geschichte keine Innovationen erwarten dürfen; trotzdem wird mit Elementen gearbeitet, welche verhindern, dass das bekannte "Alles-schon-mal-gesehen-Gefühl" aufkommt. Die Storylines und Flashbacks der einzelnen Figuren vermögen die Spannung rasant aufzubauen und sie auch zu halten. Die Aufnahmen in der Wüste sind imposant und wirken durch die Verwendung der Shaky-Cam äusserst lebendig.

Wer es sich zutraut, innerhalb eines Films zwischen mehreren Sprachen hin und her zu switchen, sollte sich Mirages unbedingt im Originalton anschauen. Die schnellen, teilweise im gleichen Satz vorkommenden Wechsel zwischen Arabisch und Französisch sind faszinierend und vermitteln den Zuschauern ein authentisches Bild der marokkanischen Kultur - trotz Einflüssen des typisch westlichen Businessdenkens.

Zum Schluss vermag Mirages noch einmal aufzudrehen und zu überraschen. Wer bald schon das Gefühl hat, das Ende wäre voraussehbar, wird definitiv eines Besseren belehrt. Das fulminante Finale, welches viel Interpretationsspielraum bietet und einige Fragen offen lässt, rundet den Film einwandfrei ab. Dieses Erstlingswerk vom jungen Marokkaner Talal Selhami macht klar Lust auf mehr und lässt für die Zukunft auf einiges hoffen.

/ hom