Cleveland vs. Wall Street (2010)

Cleveland vs. Wall Street (2010)

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  2. 98 Minuten

Filmkritik: Pay me my money down

Dieser Mann war früher Drogendealer.
Dieser Mann war früher Drogendealer. © Studio / Produzent

Im Stadtteil Slavic Village, dem "Ghetto der Ghettos" von Cleveland im US-Bundesstaat Ohio, stehen besonders viele Häuser leer. Dies als Folge der Zwangsräumungen, die in der Finanzkrise ab 2007 immer mehr Leute betrafen, welche zweitklassige Hypothekendarlehen nicht mehr zurückbezahlen konnten. Der Anwalt Josh Cohen wollte diese Opfer der Subprime-Krise im Kampf gegen die Banken vertreten. Doch die Finanzhäuser an der Wall Street haben alle möglichen Mittel ausgenutzt, um Verhandlungen vor Gericht zu verhindern.

Aus diesem Grund entschied sich Jean-Stephane Bron, den Prozess nachzustellen und mit der Kamera einzufangen. Mit dem effektiv dafür zuständigen Richter (Thomas J. Pokorny) und acht ordentlich ausgewählten Geschworenen. Die Banken werden vertreten von Keith Fisher. Im Zeugenstand: ehemalige Hausbesitzer, ein Gemeinderat, ein Wertpapierhandler und ein Polizist aus Cleveland. Aber auch ein Wirtschaftsinformatiker von der Wall Street (Michael Osinski) und der ultraliberale ehemalige Berater von Ronald Reagan (Peter Wallison), dessen Theorien die Deregulation der Finanzmärkte entscheidend beeinflussten.

Der Westschweizer Filmemacher Jean-Stéphane Bron kehrt nach seinem Ausflug ins Fiktionale (Mon frère se marie) zurück zum Genre, das ihn mit Mais im Bundeshuus berühmt gemacht hat: die spannend gemachte Amtsstuben-Doku. Zwar ist Cleveland vs. Wall Street nicht mehr ganz so unmittelbar real wie die Schilderung der eidgenössischen Genpflanzen-Debatte. Aber auch im Fake-Prozess agieren die wahrhaftigen Protagonisten. Und deren emotionalen Regungen und Schweissausbrüche fängt Bron gewohnt gekonnt ein.

Dabei entsteht ein interessantes Was-Wäre-Wenn-Szenario, das unterhält und gleichzeitig aufklärt. Auch mit limitiertem Wissen über die Finanzkrise kommt man spielend mit und ist am Ende informierter als zuvor. Bron ist zwar klar auf der Seite der Underdogs, und die sympathischste Figur im Film ist die Bürgerrechtlerin Barbara Anderson, die selber finanziell zu beissen hatte, bevor sie den Bankenbossen auf die Pelle rückte. Bron vermittelt die eigentliche Sache aber nicht weniger komplex als nötig und verhindert so simple Schwarzweissmalerei. Es ist kein court room drama, sondern ein didaktischer Film, der sich neben dem Kino auch bestens für Unterrichtszwecke eignet.

Cleveland vs. Wall Street zeigt "inszenierte Realität", wie sie die Doku-Soaps im Fernsehen auch vermitteln. Einfach ohne den Musikteppich aus bekannten Pophits, den 3+ oder RTL da jeweils darunterlegen. Bis auf den Schluss des Films. Da klingt "Pay me my money down" in der Version von Bruce Springsteen aus den Boxen. Und das Publikum - zumindest in Cannes bei der Welturaufführung von Cleveland vs. Wall Street - klatscht rhythmisch mit. Trotz Fehlen eines Happy Ends für die Seite, die Bron zu den Guten zählt.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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