Aufschneider (2010)

Aufschneider (2010)

  1. 180 Minuten

Filmkritik: Ein zynischer Misanthrop zum Küssen

Eine Katze in Handschuhen fängt keine Mäuse.
Eine Katze in Handschuhen fängt keine Mäuse. © 2017 EuroVideo Medien GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Wien, Margaretenspital: Der widerborstige Chefpathologe Dr. Fuhrmann (Josef Hader) graust sich vor lebendigen, kranken und jammernden Menschen. Mit seiner absurden Denke heimst er sich privat wie beruflich Streitigkeiten ein. Dann sind da noch Dr. Wehninger (Pia Hierzegger), die ihren toten Vater nicht aufschneiden will, und die beiden Gehilfen Max (Raimund Wallisch) und Moritz (Georg Friedrich), die mit der Bestatterin Anke (Meret Becker) ein krummes Ding drehen.

Mit dem Blick in die Kamera ans Wave-Gotik-Treffen nach Leipzig
Mit dem Blick in die Kamera ans Wave-Gotik-Treffen nach Leipzig © 2017 EuroVideo Medien GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Als Dr. Fuhrmann den neuen Assistenzarztstellen-Anwärter Winkler (Manuel Rubey) beim Bewerbungsgespräch mit Fragen durchlöchert, erhält er einen Anruf von Ex-Frau Karin (Ursula Strauss) aka «Schatzerl». Flugs verlässt er Winkler und trifft Karin in ihrem Auto auf dem Spitalparkplatz. «Also, was ist so dringend?», fragt er genervt. «Sie will bei dir einziehen», gesteht sie. «Die kann nid einziehen bei mir», schiesst er zurück. Die Rede ist von Tochter Feli (Tanja Raunig). Des Streits überdrüssig, fährt Karin los und crasht in das Auto von Dr. Böck (Oliver Baier), dem Erzrivalen, dem Fuhrmann einen Kunstfehler unterjubeln will.

Es geht hier nicht um die grosse Bildkunst, welche sich erst auf der grossen Leinwand im Kino entfaltet. Nein, dieser zweiteilige Fernsehfilm entzückt durch pointierte Dialoge und hervorragend gezeichnete Figuren, die so gut gezeichnet sind, dass auch der kleinsten Nebenfigur ein ganzer Film oder eine ganze Serie gewidmet werden könnte. Für gute Figuren braucht es auch ein gutes Casting und auch hier hat Aufschneider einen Volltreffer gelandet. Der wohl beste TV-Zweiteiler Österreichs!

Den berühmten Schmäh, diese charakterisch wienerische Art des Humors, die generell in der Interaktion entsteht, zelebriert Aufschneider wie eine hohe Kunst. Und überhaupt: Es gibt nichts Schöneres, als in Wiener Dialekt jemand über Tod und Makaberes sprechen zu hören. Für alle die sich mit Wienerisch schwertun, gibt's hochdeutsche Untertitel! Wie ein offensives Ping-Pong-Battle werden die knackigen Dialoge ausgetragen, ganz im Sinne von «Angriff ist die beste Verteidigung», und wenn's dann mal einen richtigen «Schmetterball» gibt, dann bleibt man ruhig und gibt gleichgültig eine «coole Replik» von sich. Das letzte Wort gewinnt, so sind die Josef-Haderschen (Ko-Autor und Hauptdarsteller) Regeln.

Und natürlich darf schwarzer Humor nicht fehlen, der nicht nur regelmässig in den Wortgefechten vorkommt, sondern auch durch den Einsatz von filmischen Mitteln kreiert wird. So ist es zum Beispiel geschmacklos, wenn Frau Dr. Wehninger eine Lunge für die Untersuchung mit einem Messer in Grossaufnahme präpariert, doch wird's schwarzhumorig, wenn diese Einstellung zum einen mit einem übertrieben matschigen Geräusch untermalt, zum anderen mit einer zweiten Einstellung abwechselnd kotrastiert, in der Herr Dr. Fuhrmann rauchend und Wein trinkend am Mikroskopieren ist.

Während sich der erste Teil auf die Einführung der Figuren und die abwegigen Dialoge konzentriert, die zwischen dem angriffslustigen Herrn Dr. Fuhrmann und allen anderen ausgetragen werden, verschiebt sich der Fokus im zweiten Teil auf den Plot, der spektakulär Fahrt aufnimmt und sich in Sachen Absurdität mehrmals überbietet. Ein TV-Zweiteiler wie keiner: ganz grosses Fernsehen!

Lorenzo Berardelli [lbe]

Nach einem erfolgreichen Fernseh- und Serienentzug verfiel Lorenzo dem Reiz von DVD-Raritäten und ruinierte sein Portemonnaie. Heute beschwört er das Filmeschauen im Kino als höchstes der Gefühle und beim Rattern eines 35mm-Projektors wird ihm ganz warm ums Herz. Seit 2022 schreibt er für OutNow.

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