Das weisse Band (2009)

Das weisse Band (2009)

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  3. 144 Minuten

DVD-Review: Ihr Kinderlein kommet...

Der klassische "Ich hab was ausgefressen"-Blick
Der klassische "Ich hab was ausgefressen"-Blick © Studio / Produzent

Im Frühsommer 1913 ereignen sich in einem kleinen protestantischen Dorf im Norden Deutschlands seltsame Dinge. Alles beginnt mit einem mysteriösen Reitunfall des Doktors (Rainer Bock). Seine Hebamme (Susanne Lothar) entdeckt, dass ein Seil gespannt wurde, das sein Pferd zum Stürzen gebracht hat. Doch dieses Seil verschwindet spurlos. Wenig später stirbt im Sägewerk eine Bauersfrau, die in Diensten des Barons (Ulrich Tukur) ihre Arbeit ausführte. Ihre Familie macht ihn und seine Frau dafür verantwortlich.

Danach kommt der Sommer, und es kehrt etwas Ruhe ein. Doch nach dem Erntedankfest wird der kleine Sohn des Barons misshandelt vorgefunden. Das gegenseitige Misstrauen im Dorf wächst zunehmend, und es ereignen sich weitere beunruhigende Vorfälle. Wer steckt dahinter? Merkwürdig verhalten sich vor allem zwei Kinder des Pastors (Burghart Klaussner), die von diesem mit grösster Strenge erzogen werden und als Zeichen der Demut ein weisses Band an ihrem Arm tragen müssen. Der junge Lehrer (Christian Friedel) versucht, der Sache auf den Grund zu gehen. Doch aus den Kindern ist nichts herauszukriegen...

Nach über zehn Jahren nach seinem letzten deutschsprachigen Film, Funny Games, drehte Michael Haneke wieder einmal in seiner Muttersprache. Die Kritiker waren begeistert vom Werk des Österreichers, und sogar eine Goldene Palme am Festival von Cannes 2009 schaute für ihn heraus. Obwohl dem Film dann der Oscar versagt blieb, soll das keine Abwertung darstellen. Das weisse Band ist ein ruhiger, aber gleichzeitig auch ein beunruhigender Film.

Ganze 138 Minuten dauert der Film und hat zwischendurch mit einigen Längen zu kämpfen. Wenn aber nicht solche vorherrschen, erzählt Haneke eine Krimigeschichte, die öfters in den Hintergrund rückt, um ein Porträt der deutschen Gesellschaft kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges zu zeigen. In diesen Zeiten herrschte noch Zucht und Ordnung, und die Kinder wurden noch von den eigenen Vätern geschlagen. Dass eine Gesellschaft dann irgendwann beginnt, sich von solchen Idealen abzuwenden, hat die Weltgeschichte schon ein paarmal bewiesen. Hanekes Einfall, für diesen Wechsel Kinder zu nehmen, ist brillant. Kinder, welche in anderen Filmen oft das Unschuldige in Person sind, stellen hier Opfer wie auch die Täter dar. Schlussendlich sind sie aber auch nur Produkte ihrer Erziehung.

Haneke konnte für seinen Film eine Schar vielversprechender Jungschauspieler gewinnen. Auch die Erwachsenen können mit sehr guten Darstellerleistungen punkten, wobei sich niemand richtig in den Vordergrund drängt, sondern alle ein Teil einer Gemeinde funktionieren.

Fazit: Mit Das weisse Band hat Haneke ein starkes Stück deutsches Kino gedreht. Der Film hat aber definitiv ein paar Längen. Diese können jedoch vom Zuschauer überbrückt werden, indem er das eben Gesehene interpretieren kann. So ist der Film am Ende ein anspruchsvolles Werk, über das es sich zu diskutieren lohnt. Haneke ist damit der beste deutsche Film seit Das Leben der Anderen gelungen.

Der Film kommt in einer "Deluxe-2-Disc-Edition" nach Hause. Obwohl der Film in Schwarzweiss gedreht wurde, bietet der Bildtransfer eine überzeugende Schärfe. Der Ton spielt sich vor allem auf den vorderen Boxen ab, da Haneke ja bekanntermassen auf Hintergrundmusik verzichtet. Die Dialoge sind jederzeit gut verständlich und stellen in ihrer Qualität zufrieden. Das Bonusmaterial wurde auf die zweite Disc gepackt, In einem 38-minütigen Making-of werden verschiedene Teile der Produktion zusammengeschnitten. Von der Premiere in Cannes über das Casting der Kinder bis zu Besuchen beim Dreh wird überall ein bisschen gezeigt. Das Ganze ist etwas zusammenhanglos. Unter dem Punkt "Filmfestspiele Cannes" stellen sich Regisseure und Hauptdarsteller den Fragen der Journalisten. Am Ende wird noch die Übergabe der Goldenen Palme gezeigt. Den grössten Teil dieser Bonusdisc macht aber ein 50-minütiges Porträt von Haneke aus. Darin erzählt er von seinen Weltansichten, und viele Weggefährten kommen zu Wort. Ein 2-Disc-Set, das sich sehen lassen kann.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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Kommentare Total: 6

crs

DVD-Review: Ihr Kinderlein kommet...

pb

Grossartig. Einer der besten Deutschen (okay, österreichischen) Filme überhaupt.

woc

Hanekes "Meisterwerk" ist sicher ein tiefgründiger und sehr moralischer Film geworden - obwohl er trotzdem für mich ungewohnt etwas karg und monoton daher kommt. Vergleiche mit Dogville sind wahrscheinlich nicht üblich aber bei von Trier schien es doch mehr Dramatik zu geben. Die Situation spitzte sich einmal zu und man sah die dunkle Seite der Dorfbewohner, ihr queres und animalisches Verhalten, ihre Gier und Niedertracht. Hier verläuft alles sehr offensichtlich und auch wenn die Frage nach dem oder den Tätern schlussendlich nicht im Vordergrund steht, ist selbst diese nach der Hälfte beantwortet. Klar sind die schwarzweissen Bilder eindrücklich und die langen Einstellungen stützen die "Gepflogenheit" der damaligen Zeit aber irgendwie ist schnell die Luft raus und die fast 2 1/2 h streichen vor sich hin, als würde man einem antiken Big Brother Haus zu schauen.

Mich erstaunt immer wieder, wie wenig es braucht, um solche Filme sofort als Meisterwerk anzusehen. Ich dachte eigentlich, dass gerade in den USA Themen wie Moral, Abgrenzung, Religion und Mensch=Tier gefragt sind und sofort zu Oscars oder sonstigem Ansehen führen - aber hier in Europa scheint dies ebenfalls trendy zu werden.

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