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The Sound of Insects: Record of a Mummy (2009)

The Sound of Insects: Record of a Mummy (2009)

Oder: Die Mumie für künstlerisch Anspruchsvolle

Rudern über den Styx

Rudern über den Styx

Tief im verschneiten Winterwald stösst ein Jäger auf eine improvisierte Hütte aus Plastikplanen und macht darin einen grausigen Fund. In dem Unterstand liegt die mumifizierte Leiche eines etwa 40-jährigen Mannes. Offenbar ist der Unbekannte verhungert, denn bei seinem Tod wog er nur noch 36 Kilo. In einem minutiös geführten Tagebuch hielt der Tote bis zuletzt sein langes Sterben fest. Anscheinend war er im Sommer in den Wald gegangen, um dort Selbstmord durch Verhungern zu begehen.


Film-Rating

Eine wahre Begebenheit inspirierte den japanischen Schriftsteller Masahiko Shimada zu einer Kurzgeschichte, die 1990 veröffentlicht wurde. Der Schweizer Filmemacher Peter Liechti wiederum hat Shimadas Erzählung zum filmischen Essay The Sound of Insects - Record of a Mummy verarbeitet. Fast wie in einem Hörbuch liest der Begleitkommentar Shimadas Kurzgeschichte. Das Tagebuch des Toten bildet so das erzählerische Grundgerüst des Films. Den eigentlichen Beweggrund für den Selbstmord gibt dieser zwar nicht preis, dafür sind seine Aufzeichnungen über sein langsames Auszehren umso detaillierter.

Filmisch illustriert Liechti die Geschichte einerseits aus der Perspektive des Tagebuchschreibers mit Aufnahmen von Wald, Himmel und trüben Plastikplanen. Genauso wie der Sterbende in Träume und Halluzinationen versinkt, werden diese Aufnahmen jedoch immer wieder von stark verfremdeten Aufnahmen durchbrochen, welche düstere Assoziationen wecken. Überbelichtete oder in Negativbilder verkehrte Sequenzen wechseln sich ab mit grobkörnigen Aufnahmen, deren Farben fast bis ins Schwarzweisse verblasst sind. Die Tonspur ist ebenfalls auf diese an Videokunst erinnernden Bilder abgestimmt. Neben dem im Titel versprochenen Summen und Brummen von Insekten knistern, plätschern und knarren disharmonische Töne. Das Melodiöse hat jeweils nur kurz, reduziert und gebrochen Platz.

Insgesamt ist Peter Liechti eine künstlerisch äusserst anspruchsvolle Umsetzung eines schwierigen Themas gelungen. Die Faustregel gilt jedoch auch hier, dass in einem Film umso weniger passiert, je höher dessen künstlerischer Anspruch ist. Wie der Sterbende wünscht man sich auch als Zuschauer ab einem gewissen Punkt das Ende herbei. Dieser Effekt ist sicher beabsichtigt und passt wunderbar zur Geschichte des Films. Vom Zuschauer verlangt das trotzdem einiges an Sitzfleisch. Wer im Kino in erster Linie unterhalten werden möchte, dem sei von The Sound of Insects - Record of a Mummy hiermit abgeraten. Wer sich jedoch auf das schwierige Thema einlassen kann und mit experimentellen Sequenzen keine Mühe hat, kommt hier voll auf seine Rechnung.


OutNow.CH:

Bewertung: 5.0

 

25.07.2009 / peb

Community:

Bewertung: 4.8 (3 Bewertungen)

 

 

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