Without Name - Sin nombre (2009)

Without Name - Sin nombre (2009)

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  3. 96 Minuten

Blu-ray-Review: Den Schwächsten fressen die Hunde

Eine Zugfahrt, die ist lustig!
Eine Zugfahrt, die ist lustig! © Studio / Produzent

Zwei hoffnungslose Geschichten, ein gemeinsames Schicksal: Die junge Sayra (Paulina Gaitan) versucht mit ihrem Vater und ihrem Onkel von Honduras aus in die USA zu gelangen. In der mexikanischen Grenzstadt Tapachula springen sie auf Güterzüge auf, welche sie bis an die amerikanische Grenze bringen sollen. Flüchtlinge sind jedoch für die zahlreichen kriminellen Banden, die in Mexiko ihr Unwesen treiben, ein leichtes Opfer.

Casper (Édgar Flores), Mitglied in der berüchtigten Mara Salvatrucha, treibt in Tapachula sein Unwesen und knallt jeden ab, der bei einer anderen Gang dabei ist. Diese Opfer werden ohne Gnade an die eigenen Hunde verfüttert. Soeben hat er einen Knaben namens El Smiley (Kristian Ferrer) eingeführt und soll nun die Flüchtligsströme im Güterbahnhof überwachen. Doch er schleicht sich lieber zu seiner geheimen Freundin Martha Marlene (Diana García) für ein Schäferstündchen. Als diese aus Eifersucht ein Treffen der Mara Salvatrucha aufsucht, wird sie von Gangleader Lil' Mago (Tenoch Huerta Mejía) erschlagen.

Zusammen sind wir weniger allein
Zusammen sind wir weniger allein © Studio / Produzent

Voller Wut und Zorn wagt es Casper vorerst nicht, sich gegen Lil' Mago aufzulehnen. Erst als dieser bei einem Zugüberfall die schutzlose Sayra vergewaltigen will, kommen die Gefühle wieder hoch, und er ersticht den Anführer. Fortan befindet er sich auf der Flucht durch das Land mit dem Ziel, in die USA zu gelangen, denn alle Bandenmitglieder in ganz Mexiko haben nur ein Ziel: Caspar tot sehen. Derweil entwickelt Sayra Gefühle für den Todgeweihten.

Regisseur Cary Fukunaga zögert nicht lange und konfrontiert den Zuschauer schon in den ersten Minuten mit dem gewalttätigen Leben der Gangmitglieder in Mexiko. Die "Mara Salvatrucha" zählt schätzungsweise 100'000 Mitglieder und ist berüchtigt für ihre Brutalität. Hier scheut Sin Nombre sich nicht, die Gewalt zu zeigen. Die erste Hälfte des Filmes ist schwer verdaulich und erinnert, stellenweise etwas zu sehr, an City of God. Auch hier wird die verführerische Natur der Gangs gezeigt und welchen Einfluss sie auf junge Männer haben können. Doch leider verpasst es der Film, näher auf die Motivationen seines Protagonisten Casper einzugehen und wirkt in dieser Hinsicht etwas gerafft.

Als zweites grosses Thema wird die Flüchtlingsproblematik behandelt, und hier findet der Film sein wahres Herz. Die Geschichte von Saya, wundervoll gespielt von Paulina Gaitan, bewegt, und auch ihre Freundschaft zu Casper wirkt authentisch und nachvollziehbar. Hätte sich der Film nach dem furiosen Start, der uns Caspers Gründe zur Flucht näherbringt, voll und ganz auf diese Geschichte beschränkt, hätte ein berührendes Roadmovie herauskommen können. Durch die Geschichte des jungen Smiley und die Jagd der Gang nach Casper wird jedoch ein Thriller-Element beigemischt, welches Sin Nombre etwas reisserischer wirken lässt, als es nötig gewesen wäre. Klar entstehen hierdurch einige Spannungsmomente, doch drängt sich die Gang-Geschichte immer wieder in den Vordergrund und steht der Freundschaftsgeschichte ein wenig im Weg.

Da der Film visuell eine Wucht ist, kann man die leicht überzeichnete Dramaturgie jedoch ein wenig in den Hintergrund rücken und sich so an schönen Bildern erfreuen. Obwohl der Regisseur in Kalifornien geboren und aufgewachsen ist, braucht er einen Vergleich mit seinen lateinamerikanischen Vorbildern wie Alejandro González Iñárritu nicht zu scheuen. Mit Sin Nombre ist Cary Fukunaga ein packender, gut gespielter und toll gefilmter Spielfilm-Erstling gelungen, der sich zuweilen in reisserischen Konventionen verliert, aber niemanden kalt lässt.

Die Blu-ray wird der farbenfrohen Bildsprache gerecht und ist lediglich bei den Schwarzwerten ein wenig überfordert. Der Originalton ist atmosphärisch gestaltet und klar, obwohl die Rearboxen nicht gerade gefordert werden. Als Extras gibt es zwei Interviews mit dem Regisseur und eine Menge geschnittener Szenen. Am interessanten dürfte jedoch Cary Fukunagas Kurzfilm Victoria para Chino sein, der noch erschütternder als der Hauptfilm daherkommt und sich ebenfalls mit lateinamerikanischen Flüchtlingen beschäftigt.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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Trailer Englisch, 01:59