Filmkritik: Nicht für die Schule, für's Leben lernen wir!

"Wanna fly away?"
"Wanna fly away?" © Anne Marie Fox

Wir schreiben das Jahr 1987. Claireece "Precious" Jones (Gabourey Sidibe) ist 16 Jahre alt, schwarz, stark übergewichtig und wohnt in Harlem. Sie ist bereits zum zweiten Mal schwanger, und zwar von ihrem Vater, der sie missbraucht hat, seit sie ein Kind ist. Ihre Mutter (Mo'Nique), eine deprimierte Arbeitslose, die ständig zu Hause vor dem Fernseher hängt, gibt Precious täglich zu verstehen, dass sie keinen Pfifferling wert und zu gar nichts zu gebrauchen ist.

In der Schule hat sie sich einigermassen durchmogeln können, obwohl sie weder schreiben noch lesen kann. Doch nun droht sie aufgrund ihrer Schwangerschaft von der Schule zu fliegen. Die Rektorin empfiehlt ihr ein alternatives Lerninstitut namens "Each One Teach One". Dort lernt Precious in der Schulklasse der engagieren Lehrerin Miss Rain (Paula Patton) allmählich, sich in ihrem schwierigen Leben zurechtzufinden und an eine bessere Zukunft zu glauben.

Wie netterweise schon im Filmtitel erwähnt, basiert Precious auf dem Roman Push von Sapphire aus dem Jahr 1996. Wie Miss Rain im Film hat die Autorin mehrere Jahre in Harlem als Lehrerin gearbeitet, wo sie perspektivenlosen Teenagern das Lesen und Schreiben beigebracht hat. Die Verfilmung ihres Buches hat Lee Daniels übernommen und damit am Sundance-Festival den Hauptpreis und zwei weitere Awards abgeräumt. Sein nach Shadowboxer zweiter Film trägt eine ganz eigene Handschrift, die sich von gängigen Hollywood-Mustern unterscheidet. Der Film ist zackig geschnitten, heterogen und sprunghaft. Es ist nicht der Depro-Film, wie er es unter anderer Regie hätte werden können, sondern erinnert bezüglich Machart wie auch bezüglich Soundtrack ein wenig an ein MTV-Video.

Newcomerin Gabourey Sidibe spielt die Hauptrolle der schwergewichtigen, schwangeren Precious, der von früh an eingeredet wurde, dass ihr Leben nichts wert sei, mit einer traurigen Gleichmütigkeit. Sie nuschelt mehr als sie spricht, lebt in ihrer eigenen (Fantasie-)Welt, insbesondere immer dann, wenn sie wieder einmal gedemütigt wird. Nur in ihren Träumen ist sie sexy, stilish und selbstbewusst, während die reale Welt an ihrer voluminösen Fassade abprallt.

Eine starke Performance der 24-Jährigen, die eigentlich nur durch diejenige von Mo'Nique überboten wird. In der Rolle von Precious' Mutter spielt die US-Komikerin die eigentliche Hass-Figur des Filmes, eine missgünstige, sich selbst bemitleidende und abgelöschte Frau, die nicht eingeschritten ist, als ihr Ehemann die gemeinsame Tochter missbrauchte und an dieser stattdessen den Frust ihres Lebens auslässt. Eine Rabenmutter, sich niemand wünscht, deren Weltsicht so verquer ist, dass dem Zuschauer die Wut aufsteigt - und die als physisches und psychisches Wrack dennoch beinahe zu bemitleiden ist.

Die grössten Stars sind freilich in den Nebenrollen zu finden: Lenny Kravitz wandelt als Krankenpfleger ("male nurse") auf den Spuren Ben Stillers in Meet the Parents, wobei seine Filmfigur wieder die exakt gleichen Sprüche über sich ergehen lassen muss. Musikerkollegin Mariah Carey ist als zottelige Sozialtante erst auf den zweiten Blick zu erkennen und spielt damit erfolgreich gegen ihr Glitzer-Image an. Der von Paula Patton verkörperte Charakter der Miss Rain - Alter Ego der Romanautorin - ist hingegen sehr eindimensional. Die Szenen mit ihrer Beteiligung gehören zu den schwächeren des Filmes, dessen Heterogenität grösste Stärke und Schwäche zugleich ist. Sehenswert ist er aber alleine schon der geballten Frauenpower in den Hauptrollen wegen.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Kommentare Total: 7

yan

Blu-ray-Review: Der wohl grösste Pechvogel der Welt

RandyMeeks

Eindrücklicher Film, der einem Nahe geht.
Toll gespielt von einem starken Frauencast, allen voran Gabourey Sidibe, dicht gefolgt von Mo'nique.

pps

Zitat Dirty Harry (2010-03-24 17:04:21)
Zitat pps (2009-05-19 09:29:29)

Der Film heisst übrigens so, weil der Film ursprünglich "Push" hiess, und erst dieses Jahr ist in den USA bereits ein anderer Film mit demselben Namen ins Kino gekommen, nämlich Push mit Chris Evans und Dakota Fanning. Und der neue Titel "Precious" ist laut IMDB halt auch schon mehrfach vergeben, drum das Romananhängsel.

Glaub ich nicht, Filme mit dem gleichen Titel rauszubringen war ja noch nie ein Problem. Dünkt mich eher so, also wolle da jemand seinen Namen überall lesen.

Aber nicht, wenn die Filme im selben Jahr starten - und mit dem Sundance-Filmfestival-Start von Precious wurden die Filme auch noch fast zur selben Zeit in den Medien beworben. Obige Info zum Titeltausch wäre sonst auch auf der IMDB-Precious-Seite unter Trivia zu finden: http://www.imdb.com/title/tt0929632/trivia

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