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Un prophète (2009)

Ein Prophet

Un prophète (2009) Ein Prophet

Oder: Knastbruders Karriere

"Das Leben ist wie ne Schachtel Pralinen..."

"Das Leben ist wie ne Schachtel Pralinen..."

Der 19-jährige Malik El Djebena (Tahar Rahim) wird wegen Gewalt gegen Polizisten zu sechs Jahren Haft verurteilt. Er kann weder lesen noch schreiben und ist ohne Eltern aufgewachsen. Hinter Gittern ist er völlig auf sich allein gestellt und den Mitgefangenen ausgeliefert. Deshalb gerät er bald ins Visier von César Luciani (Niels Arestrup), Boss einer Bande korsischer Häftlinge, die das Gefängnis durch Bestechung kontrollieren. Mit Gewalt und Drohungen zwingt Luciani Malik, einen unliebsamen Mithäftling zu ermorden.

Fortan ist Malik der Alibi-Araber der Korsen-Gang und muss als solcher allerlei niedere Aufgaben übernehmen. Dabei lernt er schnell, Lucianis Vertrauen zu gewinnen. So macht er im Gefängnis Karriere und kann sich einen Fernseher, DVD-Player und sogar eine Prostituierte leisten. Doch ist ihm das nicht genug: Er will mehr als nur Laufbursche sein und beginnt, seine eigenen Pläne zu schmieden. Dies passt César Luciani nicht in den Kram, und er gibt Malik unmissverständlich zu verstehen, wer der Boss ist. Doch weil inzwischen ein grosser Teil seiner korsischen Kumpels in ein anderes Gefängnis verlegt wurde, hat Luciani einen grossen Teil seiner Macht eingebüsst...


Film-Rating

Mit Un prophète kreuzt Regisseur Jacques Audiard zwei verwandte, aber nicht identische Genres: Den Gefängnisfilm mit dem Underdog, der sich im Knast gegen allerlei unfreundliche Gestalten behaupten muss, auf der einen Seite - den klassischen Gangsterkarrierefilm im Stile von Goodfellas auf der anderen Seite. Und dies gelingt vorzüglich: Trotz einer Länge von knapp zweieinhalb Stunden langweilt der Film keine Minute und hat kaum Durchhänger. Dies ist dem guten Drehbuch gleichermassen zu verdanken wie auch den Schauspielern um den starken Hauptdarsteller Tahar Rahim. Der junge Newcomer trägt den Film problemlos auf seinen schmächtigen Schultern und überzeugt mit einer glaubwürdigen Balance zwischen jugendlicher Aggressivität und leichtfertiger, aber sympathischer Nonchalance.

Den heiklen Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung, an dem schon so mancher gescheitert ist, meistert Audiards Film formidabel: Er bietet sowohl einen differenzierten und realistisch anmutenden Einblick in den Alltag des Gefängnislebens, als auch genügend Suspense, um den Zuschauer problemlos über eine solch lange Spieldauer bei der Stange zu halten. Und dies trotz - oder gerade wegen - eines grundsätzlich eher ruhigen und langsames Erzähltempos, das die Wirkung der hektischen und teilweise auch recht blutigen Höhepunkte entsprechend verstärkt.

Etwas überflüssig scheinen lediglich diejenigen Sequenzen, in denen der eingangs von Malik getötete Mithäftling als eine Art Geist in seiner Zelle auftaucht. Doch ansonsten hat Audiard in seinem Film ziemlich alles richtig gemacht: Er erzählt eine packende Geschichte, ohne in unnötige Nebenplots abzudriften. Er regt zum Nachdenken an, vermeidet aber Klischees und erliegt auch nicht der Versuchung, mit übermässiger Sozialkritik über das Ziel hinauszuschiessen. Er zeigt rohe Gewalt, ohne sie aber zu zelebrieren. Und er berührt, ohne mit grossen Gefühlsballonen die emotionale Schmerzgrenze des Zuschauers zu strapazieren.

Un prophète ist ein teilweise harter, aber erfreulich geradliniger, sauber erzählter und schnörkellos inszenierter Gefängnis-Thriller mit ausgezeichneten Schauspielern. Ob schon ein Hollywood-Remake in Planung ist...?


OutNow.CH:

Bewertung: 5.5

 

17.05.2009 / ebe

Community:

Bewertung: 4.9 (46 Bewertungen)

 

 

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