Im Sog der Nacht (2009)

Im Sog der Nacht (2009)

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  3. 85 Minuten

Filmkritik: Fluchtplan für Dummies

Pantomimen der Extraklasse
Pantomimen der Extraklasse

Der 25-jährige Roger (Nils Althaus) ist am Ende: Am Rande des Nervenzusammenbruchs will er sich in seiner Wohnung das Leben nehmen. Zu seinem Glück wird er im letzten Moment von Lisa (Lena Dörrie) und ihrem rebellischen Freund Chris (Stipe Erceg) gerettet. Perplex und ohne Ziel horcht Roger dem todsicheren Plan des Pärchens - ein Überfall auf eine Bank, der Traum vom Reichtum.

"Wo bin ich?"
"Wo bin ich?"

Der spontan geplante Coup funktioniert tadellos, bis Chris im Affekt die Ehefrau des Bankdirektors schwer verletzt. Wie von Furien gehetzt, flüchten die drei mit dem Geld in einem gestohlenen Auto durch die Nacht. Sie suchen Schutz in der verlassenen Waldhütte von Lisas Eltern. Als der Förster auftaucht und im Gespräch zufällig den brutalen Tod einer Frau während eines Banküberfalls in Zürich erwähnt, werden Lisa, Chris und Roger vom schlechten Gewissen gepackt.

Sie setzen die Flucht fort. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, ein Roadtrip voller Hoffnung, Zweifel und dem sehnüchtigen Wunsch nach Kontrolle und Macht. Je weiter sie kommen, desto mehr versinken sie in ihrem Wahnsinn...

Nach rund fünf Jahren der Vorarbeit und einigen budgetechnischen Hürden erblickte Im Sog der Nacht am Zürcher Filmfestival 2009 das Licht der Filmwelt. Die Geschichte um die drei abgebrannten Aussteiger mit ihrem todsicheren Plan ist angelehnt an den Roman "Nattsug" des norwegischen Autors Fredrik Skagen - ein Drama, das perfekt schien als Spielfilmdebut des in Deutschland geborenen Regisseurs Markus Welter. Das Resultat vermag jedoch nicht zu überzeugen.

Für einen Schweizer Film kommt Im Sog der Nacht wie angekündigt ein wenig "anders" daher. Obwohl er vom Schweizer Fernsehen mitproduziert wurde, sind Arthouse- und Independent-Einflüsse ganz klar ersichtlich. Bereits in der Einstiegsszene wird auf dunkles Ambiente, Close-ups und überzeichnete Konturen gesetzt. Farblos und niederschlagend, so flimmert das Bild durchwegs über die Leinwand. Die Nacht und die Dämmerung lässt das Drama noch klaustrophobischer erscheinen.

Eigentlich ganz okay so, da man in der Schweizer Filmszene grösstenteils kommerzielle, auf ein sehr breites Zielpublikum zugeschnittene Filme realisiert hat. Der Mut (und die finanziellen Mittel) zu Neuem und Abstraktem fehlt. Bei Im Sog der Nacht wird die sadistische Euphorie des Zuschauers in den ersten paar Minuten fast gänzlich vernichtet. Die Story beginnt zu hastig und teilweise unlogisch, die Figuren blass und emotionslos, die Dialoge abgehackt und manchmal nur doof. Ziemlich schnell kommt es zum Eklat: Der Banküberfall, die Flucht... und dann kommt lange gar nichts mehr. Obwohl der Film darauf spekuliert, die fragile Beziehung zwischen den drei Charakteren zu porträtieren, wird dies weder subtil noch offensichtlich auf den Punkt gebracht. Wiederholte theatralische Philosophien, Geld im Cheminée verbrennen oder zu Sexgeräuschen Gitarre Spielen kann die Beziehung nun wirklich nicht auf dramatische Weise darstellen.

Genau nach diesem Muster zieht sich die Geschichte schleppend dahin und wiederholt Fluchtversuche oder Diskussionen, was auf die Dauer ermüdend daherkommt. Spärlich sind die Augenblicke gesät, die wirklich fesseln. Die Schauspieler, allen voran Nils Althaus (Breakout), hätten sicher viel mehr gekonnt, wenn die Charaktere und der Plot mit Tiefe versehen gewesen wäre. Einen erhöhten Puls gibt es schliesslich bei den viel zu lauten Knallgeräuschen, und man hofft nach etlichen Wiederholungen, der ewigen Flucht ein Ende zu bereiten. Nun denn, Welters Versuch, ein spannendes Drama und Kammerspiel als Roadmovie zu verpacken, ist ihm höchstens von der Optik und vom Konzept der Story gelungen. Die Verpackung stimmt, aber der Inhalt wirkt derart überdreht, dass es billig wirkt.

Fazit: Schlussendlich ist Im Sog der Nacht ein Schweizer Film, der krampfhaft versucht, ein schnelles, abstraktes Drama darzustellen und aufzurütteln. Die Thematik und die Optik sind durchaus interessant. Leider verbergen sich hinter der schön abstrakten Verpackung zu wenig Tiefe und zuwenig Konflikte, wie ein Rausch, der eigentlich gar keiner ist. Schade.

/ woc