Die Frau mit den 5 Elefanten (2009)

Die Frau mit den 5 Elefanten (2009)

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  2. 93 Minuten

DVD-Review: Die Macht der Sprache

Wo bleibt der Pöstler?
Wo bleibt der Pöstler? © Studio / Produzent

85 Jahre alt und noch täglich bei der Arbeit: Swetlana Geier übersetzt seit ihrer Jugend russische Literatur ins Deutsche. Vor allem der Dichter Fjodor Michailowitsch Dostojewskij hat es ihr angetan. In einem Jahre andauernden Prozess studierte sie seine Werke so genau und intensiv, dass wohl kaum jemand anderem das Wirken dieses Schriftstellers so vertraut geworden ist.

Dabei ist es die Sprache selbst, welche das Interesse der vifen Grande Dame der Übersetzung so lange gepackt hat. Vor allem die unscheinbaren literarischen Stellen und die Auslassungen, die beim Übersetzen entstehen, reizen Geier, denn hier benötigt sie ihren scharfen Verstand und die profunde Kenntnis der russischen und deutschen Kultur, um den reichhaltigen Schatz der Sprache auch in der Übersetzung so gut wie möglich zu erhalten.

Wenn Rentner den Bibliothekspass ausnutzen
Wenn Rentner den Bibliothekspass ausnutzen © Studio / Produzent

Mit 85 Jahren reist Swetlana Geier zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder in ihre Heimat in der Ukraine. Damals erlebte sie, wie ihr Vater nach schweren Misshandlungen durch Stalins politische Säuberungen starb und wie die SS ihre beste Freundin erschoss. Dank ihrer Deutschkenntnisse konnte sie als Dolmetscherin für die Nazis arbeiten und wurde zusammen mit ihrer Mutter nach Deutschland geschickt. Hier erlebt sie, wie sich einige Menschen trotz der Gefahr für sie einsetzen und ihr Überleben sichern.

Mit der charismatischen Svetlana Geier, die unter anderem die fünf grossen Romane Dostojewskijs (daher der Filmtitel) vom Russischen ins Deutsche übersetzt hat, hat Filmemacher Vadim Jendreyko eine Protagonistin gefunden, die unzählige spannende Geschichten mit sich bringt. Er hat ein Dokumentations-Roadmovie inszeniert, dass inhaltlich spannend und interessant über den Bildschirm flackert, formal jedoch auf TV-Dokumentations-Niveau stehen bleibt.

Die Reise in die Ukraine macht den Hauptteil des Filmes aus. Kaum vorstellbar, wie viel sich dort seit Svetlana Geiers letztem Besuch verändert hat. Parallel zu dieser Reise findet auch eine Reise in die Vergangenheit statt, die mit originalen Schwarzweiss-Fotografien illustriert wird. Die Geschichte ihrer Zusammenarbeit mit der SS berührt, und die Frage nach Schuldgefühlen ist interessant, wird aber nicht aufdringlich gestellt. Obwohl Svetlana Geier die Reise mit ihrer Enkelin antritt, kommt diese kaum zu Wort, und der Beziehung zu ihrer Grossmutter wird keine Beachtung geschenkt, was eine unausgenutzte Möglichkeit ist.

Eingerahmt wird der Besuch im Heimatland von Szenen aus Svetlana Geiers Arbeitsalltag. Diese Sequenzen sind nicht minder faszinierend, und die Sorgfältigkeit, die Liebe zur Sprache, mit der die Texte übersetzt werden, ist beachtlich. Es bleibt der Eindruck, dass man einen Text nicht in eine andere Sprache übertragen kann ohne eine ganze Menge der Musikalität und Stimmung des Originaltextes zu verlieren, doch Svetlana Geier gibt ihr Bestes.

Der Film harrt oft etwas zu lange auf dem aussagekräftigen Gesicht seiner Hauptattraktion aus und wirkt auch sonst optisch etwas lieblos für eine Kinoproduktion. Auch die musikalische Untermalung plempert im Hintergrund etwas vor sich hin, ohne weder positiv noch negativ aufzufallen. Da die Geschichte und die Person an sich jedoch genug interessant sind, kommt nie Langeweile auf, und Die Frau mit den 5 Elefanten bleibt sehenswert. Bild und Ton der DVD sind angemessen unspektakulär, und als Extras gibt es ein grosses Angebot an Szenen, die der Schere zum Opfer fielen.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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Kommentare Total: 3

ma

DVD-Review: Die Macht der Sprache

Lingo24

Ein fantastischer Film. Herzlichen Glückwunsch an die Macher. Besonders freut uns natürlich die Referenz zum Thema Übersetzungen. Viele Grüsse von Lingo24

hut

Filmkritik: Die Schatzgräberin der Literaturübersetzung

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