Die Frau mit den 5 Elefanten (2009)

Die Frau mit den 5 Elefanten (2009)

Oder: Die Schatzgräberin der Literaturübersetzung

Wo bleibt der Pöstler?

Wo bleibt der Pöstler?

85 Jahre alt und noch täglich bei der Arbeit: Swetlana Geier übersetzt seit ihrer Jugend russische Literatur ins Deutsche. Vor allem der Dichter Fjodor Michailowitsch Dostojewskij hat es ihr angetan. In einem Jahre andauernden Prozess studierte sie seine Werke so genau und intensiv, dass wohl kaum jemand anderem das Wirken dieses Schriftstellers so vertraut geworden ist.

Dabei ist es die Sprache selbst, welche das Interesse der vifen Grande Dame der Übersetzung so lange gepackt hat. Vor allem die unscheinbaren literarischen Stellen und die Auslassungen, die beim Übersetzen entstehen, reizen Geier, denn hier benötigt sie ihren scharfen Verstand und die profunde Kenntnis der russischen und deutschen Kultur, um den reichhaltigen Schatz der Sprache auch in der Übersetzung so gut wie möglich zu erhalten.

Wenn Rentner den Bibliothekspass ausnutzen

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Mit 85 Jahren reist Swetlana Geier zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder in ihre Heimat in der Ukraine. Damals erlebte sie, wie ihr Vater nach schweren Misshandlungen durch Stalins politische Säuberungen starb und wie die SS ihre beste Freundin erschoss. Dank ihrer Deutschkenntnisse konnte sie als Dolmetscherin für die Nazis arbeiten und wurde zusammen mit ihrer Mutter nach Deutschland geschickt. Hier erlebt sie, wie sich einige Menschen trotz der Gefahr für sie einsetzen und ihr Überleben sichern.


Film-Rating

Schweizer Dokumentarfilme boomen! 2008 war die Alpfamiliendoku Bergauf, Bergab sogar der erfolgreichste Schweizer Film des Jahres und auch am Zurich Film Festival 2009 konnte die schweizerisch-deutsche Koproduktion The Sound after the Storm den Dokumentarfilm-Wettbewerb gewinnen. Nun bringt der Basler Regisseur Vadim Jendreyko (Bashkim) mit Die Frau mit den 5 Elefanten einen weiteren äusserst sehenswerten Film ins Kino, der den Zuschauer in die Welt der Literaturübersetzung führt.

Das liebevolle Portrait der heute 87-jährigen Swetlana Geier lebt ganz von seiner Hauptprotagonistin, deren Charme, Intelligenz und klarer Verstand beeindrucken und ihre Ausführungen zu einer intellektuellen Reise in die Macht der Poesie und die Kraft der Sprache führt. Jendreyko begleitet die rüstige Grande Dame der russich-deutschen Übersetzung dann auch ganz nahe mit der Kamera und baut dadurch eine Vertrauensbeziehung auf, die der Frau die Plattform für eine One-Woman-Show gibt. Egal ob beim Lektorieren der Übersetzungen, beim Kochen mit ihren Enkeln oder bei der Verarbeitung des Unfalltodes ihres Sohns, Geier berichtet ehrlich und authentisch und lässt diese Passagen so zu einer intimen Begegnung mit der Tragik, aber auch der Hoffnung des Lebens werden.

Den einzigen Vorwurf, den man Jendreyko machen kann, liegt darin, dass auch er fasziniert ist von Geier und sich entscheidet, praktisch nur sie zu Wort kommen zu lassen. Gerne hätte man mehr von ihren Enkeln oder ihren Helfern während der intensiven Übersetzungsarbeit vernommen. So ist denn auch die Aufarbeitung von Geiers Geschichte arg kurz geraten, obwohl hier sicher noch viel mehr interessante Anekdoten aus diesem ereignisreichen und von Schicksalsschlägen geprägten Leben existieren.

So bleibt Die Frau mit den 5 Elefanten (damit sind übrigens die fünf grossen Romane von Dostojewskij gemeint, deren Übersetzung Geier als ihr Lebenswerk ansieht) ein Film mit einer einnehmenden Hautpprotagonistin, die einen faszinierenden Einblick in den Bereich der literarischen Übersetzung gibt, dem zwar die meisten Menschen schon begegnet sind, doch dessen Komplexität sich erst durch Geiers Ausführungen entfaltet. Ein Erfolg beim Publikum wäre dem Film zu gönnen.


OutNow.CH:

Bewertung: 5.0

 

09.10.2009 / hut

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