Dieci inverni (2009)

Dieci inverni (2009)

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  2. 99 Minuten

Filmkritik: Wahre Liebe braucht Zeit

Er konnte sich nie von seinem Weihnachtsbaum trennen.
Er konnte sich nie von seinem Weihnachtsbaum trennen. © Studio / Produzent

Die achtzehnjährige Camilla (Isabella Ragonese) ist aus der ländlichen Provinz nach Venedig gekommen, um russische Literatur zu studieren. Als sie im Vaporetto die Lagune überquert, fällt ihr der junge Fahrgast Silvestro (Michele Riondino) auf. Als sie für kurze Zeit ihr Gepäck aus den Augen lässt, schnappt sich der Frechdachs ihr Buch und setzt sich ihre Mütze auf. Camilla findet dies gar nicht lustig, aber Silvestro hat damit ihre Aufmerksamkeit erhalten. Es wird nicht die einzige Begegnung zwischen den beiden bleiben: Noch am selben Abend klopft er an ihre Haustüre, denn er findet keinen Platz, um zu schlafen. Camilla willigt ein.

Später erwachte er mit einer Nackenstarre.
Später erwachte er mit einer Nackenstarre. © Studio / Produzent

Nach dieser Nacht kreuzen sich die Wege der beiden innert zehn Jahren immer wieder. Sie werden Freunde, werden aufgrund eines Moskauaufenthalts von Camilla getrennt, treffen sich wieder, streiten und versöhnen sich. Ein Paar werden die beiden aber nie wirklich, sondern gehen immer Beziehungen mit anderen ein. Dabei ist es sonnenklar, dass sie füreinander bestimmt sind.

In einem Liedtext der deutschen Punk-Band "Die Ärzte" heisst es: "Wenn du mich nicht küsst, bleibst du vielleicht allein. Und wer will schon im Winter alleine sein?" Dass der italiensche Regisseur Valerio Mieli das Lied kennt, darf schwer bezweifelt werden, jedoch passt dieser Ausschnitt aus dem Song ganz gut zu seinem Film Dieci Inverni: Camilla und Silvestro klammern sich beinahe zehn Jahre immer im Winter an andere, bis sie das finden, was sie wirklich wollen: einander.

Obwohl dies sich mehr als kitschig anhört, ist es der Film selten. Die Geschichte hat jede Menge Ecken und Kanten, und einige Szenen sind sogar richtig deprimierend. Aber genau darum geht die Story auch nahe. Es ist eine Geschichte, die mit Hollywood-Kitsch nicht viel gemein hat. Der Zuschauer leidet mit den Figuren und wünscht ihnen das Happy-End.

Das ist sehr verwunderlich, weil man nur die kalten Wintermonate zu sehen bekommt. Andere Jahreszeiten sind nicht zu sehen. Die Liebenden haben keine grosse Backstory, und was genau sie von März bis November machen, bleibt ein Geheimnis. Die Nebenfiguren sind unwichtig. Der Fokus liegt voll und ganz auf Camilla und Silvestro. Wenn sie nicht zusammen sind, ist alles bedeutungslos. Wenn sie dann aufeinandertreffen, scheint alles andere zu verschwinden. Bestes Beispiel ist eine Szene, in der sie miteinander tanzen, und dies, obwohl sie mit anderen zusammen sind. Sie sind sich in diesem Moment so nah und doch so fern.

Ohne ein passendes Paar hätte Dieci Inverni aber kaum funktionieren können. Wie gut, dass für Camilla und Silvestro zwei Schauspieler gefunden wurden, bei denen die Chemie stimmt. Isabella Ragonese ist mehr als hübsch und spielt ihre verletzliche Rolle sehr überzeugend. Michele Riondino spielt seinen Part leicht tollpatisch, aber liebenswert.

Fazit: Dieci Inverni ist ein schöner Film und wird wohl die Wenigsten kalt lassen. Zwar bedient sich der Film einiger gängiger Genre-Klischees, und etwas mehr Backstory wäre wünschenswert gewesen. Auch hat der Film Längen, denn der Zuschauer weiss, dass es zehn mal Winter sein muss, bis der Abspann rollt. Aber am Ende stellt sich bei solchen Filmen immer dieselbe Frage: Ging das Gezeigte nahe? Diese Frage kann bei diesem Film mit "Ja" beantwortet werden.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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