Brüno (2009)

Brüno (2009)

  1. 81 Minuten

Filmkritik: Whaaasss uuup!

12 Uhr, auf einem Pferd, die Frisur sitzt.
12 Uhr, auf einem Pferd, die Frisur sitzt. © Studio / Produzent

Man hat es nicht leicht als schwuler österreichischer Modereporter. Aber als Modereporter muss man auch einiges ertragen können. Als Brüno jedoch bei der Mailänder Fashion-Week für einen peinlichen Zwischenfall sorgt, wird er von seinem Job als Moderator der Sendung "Funkyzeit" gefeuert.

"Hmm, was könnte ich sonst noch mit diesem Mikrophon machen?"
"Hmm, was könnte ich sonst noch mit diesem Mikrophon machen?" © Studio / Produzent

Kurz entschlossen fasst Brüno den Plan, der berühmteste Export Österreichs seit Hitler zu werden. Und wo wird man wohl schneller berühmt als im Land der unbegrenzten Möglichkeiten?! Zusammen mit dem Assistenten seines Assistenten Lutz (Gustaf Hammarsten) macht er sich auf, um sich in die Herzen der Amerikaner zu spielen. Als Erstes versucht er sich an einer veramerikanisierten Version seiner alten Sendung. Doch den Verantwortlichen gefällt überhaupt nicht, was der 19-jährige (!!!) Brüno dort abliefert.

Nach anderen misslungenen Versuchen berühmt zu werden (u. a. als Vermittler im Nahen Osten oder als Adoptivvater eines afrikanischen Babys) sieht Brüno nur noch eine Lösung: Um Berühmtheit zu erlangen, muss er seiner Liebe zu Männern abschwören. Der "Heilungsprozess" führt in zur Jagd, ins Militär und zum Ringen, natürlich mit allerlei komischen Folgen.

Vor drei Jahren schockierte und begeistere Sasha Baron Cohen das Publikum mit seiner Figur Borat. Er zeigte uns ein mehr oder weniger realistisches Bild vom heutigen Amerika, mit all seinen Fehlern und Macken. Das Ganze war sehr lustig und spielte weltweit mehr als 250 Millionen Dollar ein. Doch nun gab es ein Problem: Die Figur Borat musste begraben werden, da man diese nun überall erkannte und man bei Sichtung des falschen Kasachen sofort die Flucht ergriff. Für Cohens dritten Film machte er es sich einfach. Nach Ali G und Borat blieb nur noch eine Figur übrig aus der Ali G-Show, und diese trägt den wunderbaren Namen Brüno. Die Frage ist nun, ob Brüno die Erwartungen an einen zweiten Borat erfüllen kann. Die Antwort: Ja, er kann, obwohl das Borat-Prinzip einfach auf einen anderen Provokateur übergegangen ist.

Die Story von Brüno ist nicht der Rede wert und dient nur dazu, möglichst viele absurde und witzige Situationen aneinander zu reihen. Die Szenen mit totalem Schwachsinn und "den-Spiegel-vorhalten-Szenen" halten sich die Waage. Doch manchmal schiesst Cohen etwas über sein Ziel hinaus. Es scheint beinahe so, als wolle er nicht nur die unfreiwilligen Protagonisten provozieren, sondern auch die Kinozuschauer. Anders lässt sich eine 1-minütige Sequenz mit einem wippenden Glied begleitet von Techno-Musik nicht erklären. Aber was erwartet man bei einem Film, der mit einem Stück der deutschen Elektro-Band Scooter beginnt?

Am besten ist Brüno immer dann, wenn er mit echten Menschen kommuniziert und deren beschränkte Sichtweisen offen legt. Das Klischee des "Vorzeige-Schwulen" lässt die Klischees der Anderen gnadenlos sichtbar werden. Man kann sagen, dass der Borat-Effekt nach wie vor bestens funktioniert, sei es bei Politikern, republikanischen Jägern oder bei Models. Für die Gesprächspartner ist dies zwar die Hölle, die Zuschauer kugeln sich aber vor Lachen.

So lustig der Film auch ist, die Produktion verlief alles andere als glatt. Die Crew war ständig auf der Flucht vor aufgebrachten Leuten und der Polizei. Am problematischsten waren wohl die Dreharbeiten im Nahen Osten. Aber was erwartet man bei einer Figur wie Brüno, wenn sie dort auftaucht. Die Frage drängt sich beinahe auf: Waren die wirklich so lebensmüde und waren dort? Übrigens wurde kurz vor Auslieferung der Kopien aus der Endfassung noch eine Szene mit La Toya Jackson entfernt, in der es unter anderem um La Toyas Bruder Michael ging. Ein bisschen Respekt ist also doch noch geblieben. Das ist aber auch das Einzige.

Brüno ist primitiv, frech, saulustig, aber immer mit kleinen Seitenhieben gegen unsere Gesellschaft gespickt. Die Botschaft am Ende des Filmes, dass wir alle so sein sollen wie wir sind, stellt fröhlich und zufrieden. Wer an Borat bereits seine Freude hatte, wird von Brüno sicher nicht enttäuscht werden. Schade, damit wären alle 3 Figuren von Cohen durch. Naja, vielleicht schafft es Brünos Interpretation eines Vorzeige-Heteros, "Straight-Dave", vielleicht auch noch auf die Leinwand. We'll see.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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Kommentare Total: 14

Freedomwriter

Herrlich provokativ, genau mein Ding ;) Was bestimmte Amerikaner allerdings alles tun würden, nur damit ihre Kinder berühmt werden, hat mich am meisten schockiert. Hoffe schwer, dass diese Szenen nur gefaket sind.

muri

DVD-Review: Vassup!

Jugulator

Komisch wie schnell ein neues Film Konzept (Borat) ausgelutscht werden kann. Bei Brüno (endlich auf DVD gesehen) ist das wirklich der Fall. Ich fand das ganze jedenfalls nicht mehr lustig, da es mir irgendwie klar war dass das Ganze von vorn bis hinten (mit wenigen Ausnahmen) geskriptet und gestaged war. Ich hätte gerne laut lachen wollen aber die Witze zündeten nicht. Mehr als ein paar Schmunzler liegen da leider nicht drinn, da lacht man bei nur 5 Minuten South Park mehr. OK, für uns klingt es vielleicht lustig wenn die beiden "Deutsch" miteinander sprechen, aber dieser Running Gag geht dann schon bald vorbei.

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