Breath Made Visible: Anna Halprin (2009)

Breath Made Visible: Anna Halprin (2009)

  1. ,
  2. 82 Minuten

Filmkritik: Die mit dem Atem tanzt

"Gehen wir zum Strand tanzen?"
"Gehen wir zum Strand tanzen?"

Was ist Tanz? Ballett, Tango, Foxtrot, Jazz dance, Street dance? Die lebende Tanzlegende Anna Halprin (geboren 1920) widmet ihr ganzes Leben der Aufgabe, zum Ursprung des Tanzes zurückzukehren. Sie entwickelte einen verständlichen Ausdruckstanz und macht seit den Sechzigerjahren durch ihre internationalen Tanzworkshops in Kalifornien von sich reden. Ihr Mann ist der Landschaftsarchitekt Lawrence Halprin, der kurz nach den Dreharbeiten verstarb.

"Leg dich nicht mit uns an!"
"Leg dich nicht mit uns an!"

Viele magische Momente werden zusammengefasst und ineinander verschachtelt. Beispielsweise Homevideo-Aufnahmen aus ihren jungen Jahren, bei der sie akrobatisch auf dem Velo eine Flugsimulation inszeniert; oder wie sie in den Sechzigerjahren einen erotisch aufgeladenen Workshop mit schwarzen und weissen Tänzern erarbeitete; wie sie einen "unerotischen Strip" zu Petula Clarks Hit-Song "Downtown" inszenierte; wie sie bei einer Krebserkrankung gegen ihr selbstgemaltes Selbstporträt ankämpft; und wie sie eine Gruppe Rentner im hohen Alter langsam wieder auf die Beine bringt und zu einer Art Rock'n'Roll animiert (das Stück heisst denn auch "Seniors Rocking").

Der Filmemacher Ruedi Gerber hat selber in den Achtzigerjahren in den ausgelassenen Workshops von Anna Halprin teilgenommen, wo es nicht selten zu nackten Übungen auf den Stränden Kaliforniens kam. Anna Halprin gilt als die grosse Erneuerin des "modernen Tanzes", da sie den Tanz aus dem Korsett des Ballets befreite. Durch Inspirationen von der Tanzlegende Isadora Duncan oder der Tanzpädagogin Margaret H'Doubler lernte sie neue, ungeahnte Möglichkeiten des Körperausdrucks kennen.

Die Poesie des Tanzes in Worte zu fassen oder in einem Film zu erklären, ist äusserst schwer. Gerber webt aber auf geschickte Weise biografische Aufnahmen aus ihrem bald 90-jährigen Leben mit alltäglichen Szenen und Interviews aus ihrem Haus, inmitten des nordkalifornischen Waldes. Dabei spielte der von ihrem Mann designte "Dance Deck" (Tanzterasse), wo sie Ideen entwickelte, eine wichtige Rolle. Es ist eine erhöhte Platform inmitten des Waldes mit durch den Holzboden wachsenden Mammutbäumen. Auf diesem Ort der Kreativität und des Experiments hinterliessen schon unzählige berühmte Tanzpersönlichkeiten ihre Fussabdrücke.

Mit poetischen Wortkreationen wie "Breath made visible" (Den Atem sichtbar gemacht) gelingt es der Performance-Künstlerin, den Zuschauer einzuladen in ihr dynamisches Universum, in dem man die Einzigartigkeit und Schönheit jedes menschlichen Körpers zu entdecken vermag. Dabei kann die Schönheit von tanzenden Körpergruppen in der freien Natur auch an urtümliche Riten erinnern, wie bei den indianischen Kreistänzen mit Trommel-Beat (so genanntem "Planetary Dance"). Es geht aber in diesem Film nur oberflächlich um Tanz, denn durch die Wahrnehmung des eigenen Körpers öffnet man sich und beschäftigt sich mit Lebensfragen, die alle Menschen betreffen.

Ruedi Gerber und sein Team haben aus einer Unmenge von Anna-Halprin-Filmdokumenten ab den Vierzigerjahren bis in die heutige Zeit eine abwechslungsreiche, historische Filmcollage zusammengeschnitten. Man wünscht sich manchmal noch einen tieferen Blick in die Tanzworkshops, doch der Film bleibt eine ideale philosophische Tanzeinführung vor allem auch für diejenigen, die sich noch nie mit Tanz beschäftigt haben. Man kommt aus dem Kino mit einer geschärften Wahrnehmung für das in uns allen steckende Potenzial an Körperausdruck und möchte grad lostanzen, selbst wenn man zwei linke Füsse hat.

/ dap