Improvvisamente l'inverno scorso (2008)

Improvvisamente l'inverno scorso (2008)

Plötzlich letzten Winter
  1. 85 Minuten

Filmkritik: Italienische Politik à la Vatikan

blubb blubb
blubb blubb © Studio / Produzent

Sie sind schön, jung, seit acht Jahren glücklich verliebt und wohnen in Rom. Im Leben der Journalisten Luca Ragazzi und Gustav Hofer ist eigentlich alles in Ordnung. Dann plötzlich, im Winter 2007, entwirft die Regierung Prodi in Konformität mit bestehenden EU-Richtlinien ein Gesetz zur rechtlichen Anerkennung nichtehelicher Lebensgemeinschaften. Dieses Gesetz, "Dico", soll für heterosexuelle und homosexuelle Paare gelten und billigt ihnen weitgehend gleiche Rechte und Pflichten zu wie verheirateten Paaren, zum Beispiel das Besuchsrecht im Spital, das Erbrecht oder die Unterhaltspflicht.

bussi bussi...
bussi bussi... © Studio / Produzent

Medien, Politik und insbesondere die Kirche reagieren äusserst heftig und ablehnend auf diesen Gesetzesvorschlag. Gustav und Luca sind schockiert über das Ausmass der Homophobie, das sie 2007 und in einem europäischen Land nicht mehr für möglich gehalten hätten, und Gustav überredet seinen Partner, einen Dokumentarfilm zu drehen. Nebst Interviews mit Leuten auf der Strasse, mit religiösen Gruppierungen und Politikern, filmen die beiden auch Szenen aus ihrem Alltagsleben und zur Entstehung des Films. Gerade dies tun sie mit einer guten Portion Ironie und viel Humor.

Gustav Hofer und Luca Ragazzi haben aus persönlichen Gründen einen sehr politischen Film gedreht, der - völlig verdient - bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Es ist eine gelungene Mischung persönlicher Elemente und politischer, bei der auch mehrmals quasi auf einer Meta-Ebene die Diskussionen zur Entstehung des Films einfliessen: Wenn der eher schüchterne Luca sich drücken will, an einer religiösen Veranstaltung die Leute zu interviewen, weil die immer nur das Gleiche sagen; wenn die beiden sich über die Rechte unterhalten, die sie als unverheiratetes Paar nicht haben, und sich dann über sich selber lustig machen, weil die Szene viel zu gestellt wirkt; oder wenn sie sich uneinig sind, ob sie bei der Demonstration einer rechtsradikalen Gruppierung weiterfilmen sollen oder nicht, nachdem sie verbal bedroht werden.

Der Film ist ein Aufruf zu Toleranz und Menschlichkeit, ein Plädoyer für den Laizismus. Ein Appell an die Italienerinnen und Italiener, sich nicht von der Kirche diktieren zu lassen, wer wen lieben darf und was eine Familie ist. Er zeigt klar und deutlich, wie sich der Vatikan - Papst Benedetto und die Bischöfe - in die Politik eines anderen souveränen Staates einmischt, indem er den Italienerinnen und Italienern einbläut, dass ein guter Christ nicht für dieses Gesetz sein könne, bedeute es doch das Ende der Gesellschaft. Weniger klar und dennoch spürbar ist dagegen, wie die Kirche u.a. mit der Organisation des Family Day im Mai 2007 und mit der Unterstützung von Mitte bis Rechts dieses Gesetz instrumentalisiert, um Prodis Koalition mit den Christlichsozialen und damit seine knappe Mehrheit im Parlament zu schwächen.

Und der Film prangert an, wie sich die italienische Politik davon beeinflussen lässt. Die öffentlichen Aussagen gewisser offizieller "Würdenträger und Würdenträgerinnen", aber auch was Anhängerinnen und Anhängern der katholischen Bewegungen Comunione e Liberazione und Militia Christi auf der Strasse von sich geben, sind nicht nur für Luca und Gustav schwere Kost.
Es gelingt ihnen jedoch ausgezeichnet, ihren Film zwischendurch immer wieder aufzulockern. Da zeigen sie Szenen und Fotos aus ihrem Alltagsleben. Da werden die Dico mit Hilfe von Spielzeugfiguren auf unterhaltende und leicht ironische Art erläutert. Luca verrät die drei seiner Meinung nach wichtigsten Vorteile des Schwulseins und eine - etwas unkonventionelle - Bettszene darf natürlich auch nicht fehlen.

Ein Film, der hier allen uneingeschränkt empfohlen werden soll. Allen, auch und insbesondere jenen, die wie viele Leute in Italien von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften nichts halten.

/ ema