Fleisch ist mein Gemüse (2008)

Fleisch ist mein Gemüse (2008)

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  2. 97 Minuten

Filmkritik: The Show must go on, Mensch!

"Znacht ist fertig!"
"Znacht ist fertig!"

Der 25-jährige Heinz Strunk (Maxim Mehmet) ist ein Loser, wie er im Buche steht. Mit seinem pickelübersäten Gesicht ist sein Erfolg bei der Damenwelt gleich Null. Wohnen tut er zusammen mit seiner manisch-depressiven Mutter (Susanne Lothar) in einem miefigen Reihenhaus in Hamburg-Harburg. Seine Liebe gilt der Musik, er spielt ganz anständig Saxophon und träumt von einer Karriere als Musikproduzent.

Eines Tages wird er von Bandleader Gurki (Andreas Schmidt) als Saxophonist für dessen Partycombo "Tiffanys" engagiert. So tourt er fortan durch die ärgsten Käffer der Region, tritt an Schützenfesten, Misswahlen und Seniorenpartys der übelsten Sorte auf und sorgt dort für den passenden Hintergrundsound zur allgemeinen Besoffenheit - immer nach dem von Gurki eisern vorgegebenen Motto "Swing times are good times - good times are better times!".

Melodien für Millionen!
Melodien für Millionen!

Nachdem sich seine Mutter in einem depressiven Anfall aus dem Fenster gestürzt hat und ins Spital eingeliefert worden ist, richtet Heinz im Haus, das er nun für sich alleine hat, ein kleines Tonstudio ein. Dort versucht er, mit der hübschen Sängerin Anja (Susanne Bormann) seine Karriere als Produzent in Fahrt zu bringen. Doch diese wird bald schwanger - natürlich nicht von ihm - und nimmt Reissaus. Erst, als er die aufmümpfige, aber talentierte Jette (Anna Fischer) kennenlernt, sieht er ein Licht am Ende des Tunnels...

Der kuriose Filmtitel Fleisch ist mein Gemüse ist ganz Programm: Deftige Fleischspeisen werden im Film von Christian Görlitz zur Genüge verzehrt, wobei man nicht unglücklich ist, davon nicht kosten zu müssen. Ja, man ist auch regelrecht froh, dass sich das Geruchskino bisher nicht durchgesetzt hat, denn dieser Film würde damit nicht nur abtörnende Essensgerüche, sondern gleichzeitig auch den geballten kleinbürgerlichen Mief der Achtzigerjahre in die heutige Zeit übertragen. Und darauf kann, bei aller Retro-Liebe, doch dankend verzichtet werden, irgendwie.

Auch ohne Gerüche ist dieser Achtziger-Mief mit Dekor und Kostümen dermassen gut eingefangen, so dass man zeitweise fürchtet, eine Zeitmaschine hätte einen in diese bizarre und verdrängt geglaubte Epoche zurückversetzt. Der schnauzbärtige, nie um einen sauglatten Spruch verlegene Bandleader Gurki beispielsweise - exzellent verkörpert von Andreas Schmidt - scheint dieser Zeit förmlich entsprungen.

Fleisch ist mein Gemüse basiert auf dem gleichnamigen, "ziemlich autobiographischen" Bestseller des deutschen Musikproduzenten Heinz Strunk, der auch selbst eine Rolle im Film spielt, und zwar diejenige des Beobachters seiner selbst, der mit einem Hirsch kommuniziert. Diese Szenen sind etwas gewollt skurril, doch entschädigen die köstlichen Band-Einlagen der Tiffanys an den schlimmsten Hundsverlocheten in Norddeutschland aufs Beste dafür. Deren Party-Verhunzungen von eigentlich guten Songs, während die besoffenen Zuschauer zu fortgeschrittener Stunde in den Garten und sonstwohin kotzen, sind höchst vergnüglich. Alle Bandmitglieder beherrschen übrigens ihre jeweiligen Instrumente tatsächlich, für den Film wurde allerdings Playback gespielt.

Den jungen Strunk spielt Maxim Mehmet, der seiner Figur eine bemitleidenswerte Loser-Aura verleiht. Ebenfalls stark ist Susanne Lothar, bekannt aus Funny Games, die die Mutter von Strunk dermassen verbiestert, ängstlich und immer kurz vor dem Rüberkippen spielt, dass man sie einfach ins Herz schliessen muss. Sie und Livia S. Reinhard, die Strunks übergewichtige Nachbarin verkörpert, sorgen für die traurigen Momente und dafür, dass der Film nicht zum reinen Schenkelklopfer verkommt.

Am Schluss wird das Autobiographische dieses Filmes schliesslich augenzwinkernd relativiert. Aber letztendlich ist auch völlig egal, ob das nun alles genauso passiert ist oder eben nicht - Fleisch ist mein Gemüse ist eine gelungene, schräge Eighties-Tragikomödie, die Spass macht. Oder, um es in den Worten des Gurki zu formulieren: "Geil abgeliefert!"

/ ebe