Der Baader Meinhof Komplex (2008)

Der Baader Meinhof Komplex (2008)

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  3. 150 Minuten

Filmkritik: Jung, dumm und stolz darauf!

"Ich wöt mis Mami!!!"
"Ich wöt mis Mami!!!"

Deutschland, 1967. Beim Besuch des persischen Schahs in West-Berlin wird eine Studentendemo durch die Polizei brutal aufgelöst; ein Student stirbt.

Die linke Journalistin Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) erlebt die daraus resultierende Studentenbewegung hautnah mit und berichtet über die rechte Regierung in Westdeutschland. Doch die Bewegung wird immer linksradikaler. Als der Studentenführer Rudi Dutschke am helllichten Tag angeschossen wird, verändert sich Meinhofs Gemütszustand. Nun nimmt auch sie an den gewalttätigen Racheakten gegen den Springer-Verlag teil, schreit Parolen, wirft Steine. Sie bekommt das Gefühl, diese Taten könnten die Lösung sein, denn ihre Worte scheinen bislang nichts bewirkt zu haben.

"Mensch, bei Tarantino sieht das cooler aus..."
"Mensch, bei Tarantino sieht das cooler aus..."

"Dass es keinen Sinn hat für eine bessere Welt nur zu beten" ist auch die Meinung der Studentin Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek) und ihres Freundes Andreas Baader (Moritz Bleibtreu). Meinhof ist von dem energischen und radikalen Paar fasziniert; die drei freunden sich an. Als Baader und Ensslin abtauchen müssen, gewährt Meinhof ihnen Asyl. Zu dritt gründen sie die Rote Armee Fraktion (RAF). Fortan häufen sich die Anschläge und Morde der RAF, überall in der Republik.

1972 gelingt es Horst Herold (Bruno Ganz), dem Chef des Bundeskriminalamtes, Baader, Meinhof, Ensslin und weitere RAF-Terroristen festzunehmen. Doch die Probleme und Bluttaten hören damit noch längst nicht auf.

Primo Levi hat einmal über die Deutschen gesagt, er kenne kein anderes Volk, dass sich so ehrlich und gut mit seiner beschämenden Vergangenheit auseinandersetzt. Das gilt auch für deutsche Filmschaffende. Nach Der Untergang zerrt Produzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger mit Der Baader Meinhof Komplex nun ein weiteres brutales Kapitel deutscher Geschichte ans Licht der Öffentlichkeit. Zeit wurde es.

Erklärtes Ziel von Eichinger ist es u.a. gewesen, der RAF den Mythos zu nehmen. Dies ist Regisseur Uli Edel und seinen hervorragenden Schauspielern gelungen. Baader und Meinhof sind die bis jetzt besten Rollen, die Bleibtreu und Gedeck gespielt haben. Ebenso Johanna Wokalek, bei der man sich fast schon ängstlich fragt, ob Gudrun Ensslin nicht vielleicht ihre interessanteste und beste Rolle bleiben wird. Denn besser als in diesem Film geht es kaum. Alle drei Hauptdarsteller lassen einen genau spüren, wie damals die Stimmung in diesem Trio gewesen sein muss.

Die sture Dummheit und Unbelehrbarkeit dieser jungen Möchtegern-Revoluzzer lässt einen schaudern. Der Film zeigt: dies waren keine wahren Revolutionäre, mit klaren Zielen im Kopf und durchdachten Methoden. Dies waren unzufriedene junge Erwachsene, die 1967 vielleicht noch ein Recht hatten, sich zu beschweren, doch drei Jahre später, nach dem Regierungswechsel, zu dumm und steif waren, um von ihren Idealen abzulassen. Zu schön und spannend war es, selbstgerecht die Illusion von Freiheit zu leben, die ihnen die Gewalttätigkeit gab. All das fernab der Realität und jeder Verantwortung (z.B. liess Ensslin ihren Sohn kaltblütig zurück). Schon die erste Generation der RAF war nichts weiter als ein Haufen schwer erziehbarer Schulkinder. Als die Gruppe sich einer kurzen Militärausbildung in Jordanien unterzieht, ballert Baader haltlos durch die Gegend. Zurechtgewiesen von dem arabischen Ausbilder brüllt er ihn trotzig an: "Was?! Macht doch Spass!!" Der Film zeigt auch, wie Dummheit neue Dummheit produziert. Ulrike Meinhof, eigentlich eine gebildete, kluge Frau, entwickelt sich im Kontakt mit Baader und Ensslin zu einer weiteren Idiotin. Sie verliert das Vermögen, rational zu denken. An diesen Charakteren ist nichts gut und nichts schön, und dennoch ziehen sie einen in ihren Bann. Hat man Der Baader Meinhof Komplex gesehen, versteht man zumindest ansatzweise, wie es soweit kommen konnte und wieso die RAF so viele Mitläufer hatte.

Auch formell ist der Film sehr gelungen. Von der Farbgebung (dem leicht orange-pinken Ton, den Fotos aus den 70ern haben), über die detailgetreue Ausstattung bis hin zur eindrücklichen, bewegenden Musik stimmt alles. Obwohl es ein langer Film ist, brennt sich einem jede Minute in den Kopf, schmerzhaft, erkenntnisreich, verwundernd zugleich. Nie wird es langweilig.

Es wäre untertrieben, den Baader Meinhof Komplex herausragend gut zu nennen. Er ist ein wahres, seltenes Meisterwerk und zählt zweifelsohne zu einem der besten deutschen Filme des Jahrzehnts. Auch im internationalen Vergleich spielt er in der obersten Liga. Jetzt schon ein moderner Klassiker!

22.09.2008 / aru

Kommentare Total: 29

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Ich habe die Zeit der RAF gerade noch am Rande mitbekommen, erinnere mich noch gut an die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hans-Martin Schleyer und seine Ermordung. Ich wusste einfach, dass die RAF Terroristen waren, mehr nicht.
Jetzt mit diesem Film wurden mir diese Leute nähergebracht. Zu Beginn hat man noch Sympathien für diese Leute, versteht, warum sie so handeln. Je länger der Film dauert, desto mehr merkt man dann aber, dass es nicht mehr um eine Sache geht (obwohl sie einem das vorgaukeln wollen), sondern nur noch um Gewalt, um das Recht-haben-wollen. Unglaublich, wie sich die Regierung im Gericht hat vorführen lassen und sie den Terroristen ihre Forderungen (nach mir unglaublichen Haftbedingungen) auch noch erfüllt haben.
Alle Schauspieler sind brillant besetzt und über Bruno Ganz müssen wir gar nicht reden: grossartiger Darsteller! Der Film selbst hat mich während den 2.5h gefesselt, wirklich gut gemacht. Auf Blu-ray ein Genuss - in Bild und Ton.

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Ich persönlich hätte mir noch mehr Tiefe in die ganze Geschichte gewünscht. Dennoch der Baader-Meinhof Komplex ist ein guter Film. Der Streifen lebt sehr stark von den Schauspielern. Die alle eine tadelose Leistung abliefern. Dazu vermag Uli Edel die Spannung, den Unterhaltungswert und die Gefühlslagen gut zu kombinieren.

stein-3

"Jung, dumm und stolz darauf!" Genau so kamen mir die RAF-Terroristen im Film auch vor. So waren sie wohl auch in der Realität: gewaltbereit, egozentrisch, rechthaberisch und alles gepaart mit Dummheit und Grössenwahn.
Ist es Zufall, dass das "Volk", das ja angeblich gerettet werden muss im Film gar nicht vorkommt? Ist irgenwann ein Arbeiter zu sehen? Hatte die RAF überhaupt Kontakt zu "normalen" Mitgliedern der arbeitenden Klasse? Offenbar haben "die Massen" vor allem in den Köpfen der RAF-Mitglieder existiert bzw. die RAF wusste was gut fürs Volk ist, ohne es zu kennen. Das zeigt doch recht deutlich wes Geistes Kind diese Organisation war.
Mir hat "Der Baader-Meinhof Komplex" als Film nicht so zugesagt. Zwar ist er gut gespielt und nett anzuschauen, aber den Blick für die Zusammenhänge hat er nicht. Er zerfällt ziemlich schnell in die einzelnen, spektakulären Szenen. Und als Psychogramm der Beteiligten funktioniert er auch nicht. So wirken die Figuren wie Schachfiguren, die ihr Schicksal nicht selber in der Hand haben. Aus Schweizer Sicht positiv: Bruno Ganz kommt unbeschadet über die Ziellinie.

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