Ein Augenblick Freiheit (2008)

Ein Augenblick Freiheit (2008)

Oder: Die Hoffnung stirbt zuletzt

"Ich! Bin! Hier! Der! Chef!!"

"Ich! Bin! Hier! Der! Chef!!"

Azadehs und Armans (Sina Saba) Eltern sind schon vor etlichen Jahren aus dem Iran nach Österreich geflohen. Nun, da die Kinder alt genug sind, soll die Familie wieder zusammenfinden. Im Auftrag der Eltern beginnen Ali (Navid Akhavan) und Merdad (Pourya Mahyari) das schwierige Unterfangen, mit den Kindern aus dem Iran zu flüchten. Auf der Reise begegnen die vier einem Ehepaar, das mit seinem kleinen Sohn ebenfalls auf der Flucht ist. Gemeinsam schlagen sie sich nach Ankara durch. Sie hoffen, dort von der UNO das Flüchtlingsstatut zu erlangen, um weiter nach Europa zu reisen und nicht von der türkischen Polizei oder dem iranischen Geheimdienst erwischt und deportiert zu werden.

"Wenn es hier einen Strand gibt, dann fress' ich meine Mütze!"

"Wenn es hier einen Strand gibt, dann fress' ich meine Mütze!"

Im selben Hotel, in dem die iranischen Flüchtlinge wohnen, leben auch ein Kurde und ein Farsi-Lehrer, ebenfalls politische Flüchtlinge. Diese beiden meistern die Widrigkeiten des Flüchtlingsdaseins schon länger und mit viel Humor. Der Traum von Freiheit aber ist eine starke Macht, die auch zerstörerisch sein kann. Langsam und beschwerlich ist der Kampf mit der Bürokratie, unsicher die Zukunft. Nicht alle können dieser Nervenprobe standhalten. Wie weit muss man gehen, um in die Freiheit zu gelangen, was muss man aufgeben und was sich bewahren?


Film-Rating

Was lange währt, wird endlich gut. Fast acht Jahre hat Regisseur Arash T. Riahi gebraucht, um Ein Augenblick, Freiheit zu machen. Die drei dargestellten Schicksale beruhen auf wahren Begebenheiten. Die Geschichte von Azadeh und Arman ist die von Riahis jüngeren Geschwistern.

Ein Augenblick, Freiheit ist ein kraftvoller, berührender Film, der viel Feingefühl und Humor besitzt. Alle Figuren schliesst man sofort ins Herz, was nicht zuletzt an den hervorragenden schauspielerischen Leistungen des Ensembles liegt. Viele der Darsteller haben selbst die Flucht aus dem Iran geschafft, und alle sind mit Flüchtlingen verwandt und befreundet. Deshalb wirkt auch ihr Spiel so echt, so lebendig und wie aus tiefster Seele kommend. Payam Madjlessi, der am Abend der Zurich Film Festival-Premiere des Films anwesend war, sagte: "Ich bin vor ungefähr 30 Jahren aus dem Iran nach Paris gegangen, ein reiner Besuch bei meiner Schwester. Dann brach auf einmal die Revolution aus und ich konnte nie wieder zurück. Der Film und Arash haben mir endlich die Gelegenheit gegeben, richtig Abschied von meinem Land zu nehmen. Dafür bin ich sehr dankbar."

Ein besonderes Merkmal des Filmes sind die konstanten und harten Sprünge zwischen Lachen und Weinen. Wie nah beieinander diese beiden Emotionen stets liegen, wie sehr wir das Lachen als Überlebensmechanismus nutzen müssen und wie schwer es ist, in scheinbar aussichtslosen Lagen nicht zu verzweifeln - all das bringt Regisseur Riahi seinen Zuschauern sehr nah. So sehr, dass man sich bei jedem Lacher schon vor dem nächsten Bild fürchtet, das meistens auch tatsächlich weitere grausame Momente und Schicksalsschläge bringt. Dieser Film ist nichts für zarte Gemüter. Er muss ausgehalten werden, ein bisschen in der Art, wie auch die Figuren aushalten müssen in ihrer unsicheren Zwischenstation Ankara. Doch die Belohnung ist reich. Der Eindruck von grosser Authentizität, den Ein Augenblick, Freiheit vermittelt, ist nicht nur ein Eindruck. Eine im Publikum der Premiere sitzende Dame lobte den Film und erklärte bedrückt, aber bestimmt: "Ich habe das selbst erlebt. Die Flucht aus dem Iran über Ankara war alles andere als leicht. In der Türkei lauern tausend Gefahren, die Polizei, der iranische Geheimdienst. Es ist gut und wichtig, dass der Film sich nicht scheut, dies zu thematisieren. Teilweise war es sogar schlimmer, als es im Film gezeigt wird." Regisseur Riahi antwortete, sichtlich gerührt: "Ich weiss. Es gab viel, was ich nicht zeigen konnte, aber ich hätte sonst gar nicht in der Türkei filmen dürfen."

Alles in allem ist Ein Augenblick, Freiheit die knapp zwei Stunden wert. Er gibt nach dem pars-pro-toto-Prinzip seltene, originelle Einblicke in die Welt von Flüchtlingen überall. Der Film ist nie kitschig, obwohl er einen mitnimmt auf eine Reise, wie sie schwieriger nicht sein könnte. Er lässt einen erschaudern und überlegen, wie gut wir es in Europa haben. Ein Film, der auf allen Ebenen berührt und auch formell, in der Kameraführung, der Musik und der Farbgebung punktet.


OutNow.CH:

Bewertung: 5.0

 

28.09.2008 / aru

Community:

Bewertung: 4.9 (8 Bewertungen)

 

 

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