Night Train - Ye che (2007)

Night Train - Ye che (2007)

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  2. 94 Minuten

Filmkritik: Monster's Ball auf chinesisch?

"Gehn wir ein wenig paddeln?"
"Gehn wir ein wenig paddeln?" © Studio / Produzent

Jedes Wochenende nimmt eine Frau den Nachtzug in eine andere Stadt. Dort hat sie sich bei einer Partnervermittlungsagentur eingeschrieben, die regelmässige Tanzabende zu chinesischer Chanson-Musik veranstaltet. Wu Hongyan (Liu Dan) ist 30, verwitwet und einsam. Fast schon verzweifelt sucht sie ein Gegenüber, mit dem sie diese Einsamkeit teilen kann, gerät aber immer wieder an zwielichtige Typen. Sie ist Angestellte beim Gericht und muss Frauen vor den Richter begleiten, die schwerer Verbrechen beschuldigt werden. Für sie ist diese Aufgabe so zur Routine geworden, dass es auch mal vorkommt, dass sie gähnt, während eine Angeklagte zum Tod verurteilt wird. Die Reisen mit dem Nachtzug setzen ihr zu.

"Nicht traurig sein, der Schnee kommt schon noch."
"Nicht traurig sein, der Schnee kommt schon noch." © Studio / Produzent

Auch der Vollzug der Todesstrafe gehört zu Wu Hongyans Aufgaben. Durch Zufall erfährt Li Jun (Qi Dao), dass sie die Mörderin seiner Frau ist. Er hat alles verloren. Nach dem Tod seiner Frau, wird ihm auch das gemeinsame Kind weggenommen und er wird von seinem Chef versetzt. Also nimmt er die Spur von Wu Hongyan auf und verfolgt sie. Und sie ist fasziniert von diesem geheimnisvollen jungen Mann, der sich an ihre Fersen heftet. Hat das Glück sie nun doch noch gefunden?

Yinan Diao ist ein bedrückender Film gelungen, der berührt und auch visuell überzeugt. Ye che kommt - beinahe - ohne explizite Gewalt aus und doch ist diese greifbar. Yinan Diao arbeitet geschickt mit Ellipsen: Er lässt aus, was unaussprechlich ist, aber auch unausweichlich. Er zeigt die Hinrichtung nicht, nur wie Wu Hongyan die Pistole lädt und danach ihre dabei getragenen, brennenden Handschuhe. Auch die letzte Szene wird ausgelassen, doch ist es gar nicht mehr nötig, zu zeigen was passiert. Überhaupt beschränkt Yinan Diao alles auf ein Minimum: Die wichtigen Darstellerinnen und Darsteller lassen sich an einer Hand abzählen, die verwendeten Farben beschränken sich auf Blau-, Grau- und Schwarztöne, hell wird es erst, als Li Jun und Wu Hongyan sich treffen, gesprochen wird nur das Nötigste. Ein bisschen mutet das an wie ein Theaterstück, was auch nicht überrascht, der Regisseur kommt aus dem Theaterfach.

All dies trägt zur Stimmung des Films bei, die sich unweigerlich auf das Publikum überträgt. Und die an das Gefühl erinnert, wenn man gerade aus einem Albtraum erwacht ist. Tatsächlich war ein solcher Albtraum, in dem der Regisseur immer und immer wieder träumte, er werde hingerichtet, der Auslöser für diesen Film. Yinan Diao ist ohne Zweifel ein Gegner der Todesstrafe. Trotzdem ist sein Film nicht politisch, nicht ein flammendes Plädoyer gegen die Todesstrafe. Er zeigt ein privates Drama. Eine junge Frau, die ihre widerliche, unmenschliche Aufgabe so gut und so human wie möglich erfüllen will. Die an ihrer Einsamkeit leidet und sich so sehr nach Liebe und nach körperlicher Nähe sehnt, dass sie auch nicht davor zurückschreckt, dafür Geld zu bezahlen. Einsam ist auch Li Jun. Ein Aussenseiter, der zwischen dieser Einsamkeit und persönlicher Rache schwankt, als er auf die Mörderin seiner Frau trifft, lange bevor sie davon Kenntnis nimmt.

Ye Che ist auch die Innenansicht einer industrialisierten Gesellschaft, bildhaft dargestellt durch das industrielle Dekor, wo jede und jeder nur ein kleines Rädchen im Getriebe ist. Der Mensch ist nur eine Maschine, Wu Hongyan muss töten. Eine Gesellschaft, in der Interaktion und Kommunikation zwischen den Menschen verloren ging, weil man darauf - im Zeichen des Fortschritts - nicht mehr angewiesen ist.

Der Regisseur versteht es ausgezeichnet, Stimmungen zu malen. Auch im wörtlichen Sinne. Leider bleibt dabei die Handlung etwas auf der Strecke. Der Film ist zeitweise langfädig, ja beinahe langweilig. Man muss solche Filme mögen, damit einem Ye Che gefällt. Man muss darauf vorbereitet sein, dass man unangenehm berührt wird. Das ist nicht jedermanns Sache, darum gibt es auch nicht die volle Punktzahl. Die Tatsache aber, dass es dem Regisseur gelingt zu berühren, auch auf diese unangenehme Art, und die Ästhetik in der Bildsprache müssen honoriert werden.

/ ema