Lars and the Real Girl (2007)

Lars and the Real Girl (2007)

Lars und die Frauen
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  3. 106 Minuten

Filmkritik: Lars bastelt sich seine Traumfrau

"This is Myspace!"
"This is Myspace!"

Lars (Ryan Gosling) ist kein gewöhnlicher Mittzwanziger. Er ist scheu und lebt in der Garage seines Elternhauses, das sein älterer Bruder Gus (Paul Schneider) mit seiner Frau Karin (Emily Mortimer) bewohnt. Seine zwischenmenschlichen Beziehungen beschränken sich auf Gottesdienste und kurze Konversationen mit seinem Büronachbarn. Die Flirtversuche seiner Arbeitskollegin Margo (Kelli Garner) scheint er jedenfalls nicht zu beachten und auch sonst zeigt er kaum Engagement und Interesse für eine allfällige Freundin. Lars' Verschlossenheit plagt vor allem Karin, die seine gesuchte Einsamkeit nicht verstehen kann und ihn bei jeder Gelegenheit ins soziale Leben einbinden will, seis nur durch die Einladung zum Nachtessen - welche Lars bestimmt ausschlägt.

"Mhm fein, Schleckstengel!"
"Mhm fein, Schleckstengel!"

Als er aber eines Tages vor der Tür seines Bruders steht und verkündet, dass er übers Internet eine Freundin gefunden hat, ist die Freude gross. Diese hält jedoch nur bis zum ersten Treffen, denn da sitzt Bianca, halb Brasilianerin, halb Dänin, an den Rollstuhl gefesselt - und eine lebensgrosse Silikonpuppe! Karin und Gus, der glaubt, sein kleiner Bruder sei nun völlig übergeschnappt, konsultieren darauf die ortsansässige Psychologin Dr. Dagmar Bergman (Patricia Clarkson), die bei Lars einen Wahn diagnostiziert und dem verdutzten Paar nahe legt, dieses Spiel aufrecht zu erhalten. Während dieser Zeit gibt die Psychologin vor, Bianca zu untersuchen, begutachtet jedoch Lars und versucht zu ergründen, was in ihm vorgeht, das zur Erschaffung seiner künstlichen Plastikfreundin geführt hat. Doch wie bringt man gleichzeitig das ganze verschlafene Örtchen dazu, Bianca als vollwertiges, als menschliches Mitglied der Gemeinde zu akzeptieren?

Zuerst mit viel Skepsis, dann mit viel Einsatz und Verständnis beginnen die Leute, Bianca zu integrieren und sie zu akzeptieren. Sie besucht die Kirche, modelt fürs Kleidergeschäft und besucht mit Lars bald die erste Party seines Lebens. Ein Prozess, der nicht nur Lars verändert, sondern auch seine Umgebung.

Einen Film über einen Aussenseiter mit Vorliebe für Gummipuppen, welche dann auch noch von der ganzen Stadt als echte Person behandelt wird, hätte leicht zum Klamauk oder zur peinlichen Schmonzette werden können. Regisseur Craig Gillespie (Mr. Woodcock) umschifft das klischeereiche Fahrwasser jedoch gekonnt, in dem er Lars und seine Bianca nie der Lächerlichkeit Preis gibt und trotzdem den Film durch leisen Humor nicht zur deprimierenden Aussenseiterballade verkommen lässt.

Ein umwerfender Ryan Gosling in der Hauptrolle vermag das Innenleben dieser vielschichtigen Figur intensiv und glaubhaft vorzutragen. Wenn er als Lars auf der Tanzfläche steht und sich den Tränen nahe freut, dass Bianca von den Mitmenschen akzeptiert und nicht mehr angestarrt wird, kommt zum Vorschein, welches grosse Schauspieltalent hier zur mittleren Reife wächst. Eine Oscar-Nomination wäre verdient gewesen.

Diese hat der Film für das beste originale Drehbuch bekommen. Nancy Olivers (Six Feet Under) Skript sprüht vor Intelligenz und Wärme und versucht nicht Lars Psychose auszuschlachten, sondern lässt sie als einen völlig natürlichen Prozess erscheinen. Um es in den Worten von Mrs. Gruner, der Familienfreundin, zu sagen: Wer hat denn in seiner Jugend nicht bizarre Dinge gemacht oder geliebt?

Bianca ist nicht nur ein Zeichen für die Toleranz und Akzeptanz von etwas Einzigartigem, sondern auch Lars' Möglichkeit, Erwachsen zu werden. Seine Verschlossenheit und seine Aversion von sozialer Interaktion sind auf seine Kindheit zurückzuführen. Mit Bianca - und mit Hilfe von Dr. Bergman - gelingt es ihm, sich seinen Ängsten zu stellen, auch, da er sich durch die Puppe ausdrücken kann. Er lehrt, Verantwortung zu tragen und taut langsam auf. Dies fordert jedoch einen Abnabelungsprozess von Bianca.

Lars and the Real Girl ist eine herzliche, emotionale Geschichte über einen liebevollen Aussenseiter geworden, der eigentlich nur jemand sucht, der ihn so akzeptiert, wie er ist. Es ist ein Film, dessen Botschaft die Wichtigkeit von Toleranz und Gemeinschaft aufzeigt und die Gefühle eines Menschen über alles andere erhebt. Denn letztlich begreift Lars, dass es wunderschön ist, jemanden lieben zu können, auch wenn diese Person dasselbe Gefühl vielleicht nicht erwidert.

/ hut

Kommentare Total: 9

El Chupanebrey

Zitat fearing is believing (2008-04-01 12:55:00)

Die Entwicklung des ganzen Dorfes in Bezug auf "Bianca" ist auch nicht unnachvollziehbar

Gut gemeinter Kommentar, aber du widersprichst mit diesem Satz dem Film etwas. Nein, es liegt eigentlich gar nicht am Satz, sondern am "Bianca". Der Film ist darauf aus, Bianca als echte Person, die nun einfach mal im Kopf von Lars existiert, zu zeigen. Da hat sie die Anführungszeichen sicher nicht verdient. 😉

[Editiert von El Chupanebrey am 2008-04-20 14:29:03]

El Chupanebrey

Lars and the Real Girl vermag trotz eines eher unsteten Verlauf (bezogen auf den Humor) 100 Min zu unterhalten und zu amüsieren. Ein wunderschönes Lehrstück über die Kraft der Gemeinschaft und das Akzeptieren anderer Gewohnheiten. Zwischendurch wird aber diese Message dem Film auch etwas zum Verhängnis, da alles doch sehr amerikanisch gemacht wurde. Trotzdem: Brillante Darsteller (Gosling sympathisch, Mortimer stark und Schneider einfach zum Brüllen), ein gut geschriebenes Drehbuch und immer wieder ührende Szenen (das "Wiederbeleben" des Teddybärs 😊).
Schön auch am Film ist, dass der Kinozuschauer immer wieder Freude an den "ganz normalen Absurditäten des Lebens" haben kann, auch wenn sich einige Dinge wiederholen.
Lars and the Real Girl ist ein unterhaltsamer, warmherziger Film geworden, der angenehm anders ist.
4,5

Ausführlicheres Review

[Editiert von El Chupanebrey am 2008-07-29 20:59:35]

LukeZone

Vielen Dank - Wieder was dazugelernt^^

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Trailer Englisch, 02:28