Wer war Kafka? (2006)

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Filmkritik: Wer ist Kafka?

Kafka? Kenn ich nicht!
Kafka? Kenn ich nicht! © Studio / Produzent

Franz Kafka (1883-1924). Geboren in Prag, Sohn von Hermann Kafka (1852-1931), einem Galanteriewarenhändler ("Accessoires-Laden") und von Julie Kafka, geb. Löwy (1856-1934), beide Elternteile entstammen jüdischen Familien. Studierte in Prag Germanistik, dann Jura. Um 1902 lernte er Max Brod in der "Lese und Redehalle der deutschen Studenten" kennen, später fanden mit weiteren Personen regelmässige Treffen statt, wo eigene und fremde Texte diskutiert wurden. Erste Schriften enstanden und um 1908 begann er als Beamter in der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag" (bis zu seiner frühzeitigen Pensionierung 1922) zu arbeiten. 1909 erste Tagebucheintragungen, um 1911 beschäftigte er sich tiefer mit dem Judentum. Er verlobte sich 1914 mit Felice Bauer (die Verlobung wurde mehrmals aufgehoben, später endgültig) und veröffentlichte 1916 sein Buch "Das Urteil". Ein Jahr später erste Anzeichen von Kehlkopftuberkulose. Er nahm 1918 wieder die Arbeit in der Versicherungsanstalt auf und begegnete zwei Jahre später Gustav Jannouch. Er begann einen Briefwechsel mit Milena Jesenská und schrieb um 1922 sein Buch "Das Schloss". Erste Begegnung mit Dora Diamant in Berlin um 1923. Er wohnt mit ihr in Berlin, zog aber 1924 wieder nach Prag zurück. Er starb im Sanatorium Hoffmann in Kierlingdort bei Wien am 3. Juni 1924. Die Stimme im Film ist von Ulrich Matthes.

Max Brod (1884-1968). Geboren in Prag, studierte auch Jura. Er begegnete den unauffälligen Kafka während den Sitzungen in der Prager "Lese- und Redehalle der deutsche Studenten". Ihr gemeinsames Interesse zur Schriftstellerei führte zu einer engen Freundschaft. Brod wurde zu einem erfolgreichen Schriftsteller ("Schloss Nornepygge", 1908) und Literaturprofessor. Seine zweite Lebenshälfte verbrachte er in Tel Aviv, Palästina. Er widersetzte sich der Bitte Kafkas, all seine Werke zu verbrennen. Im Film wird Brod von Eckart Alexander Wachholz gespielt.

Gustav Janouch (1903-1968). Geboren in Wien, Sohn eines Arbeitskollegen von Kafka, hat ihn in der Versicherungsanstalt kennen gelernt. Janouch soll die Konversationen mit Kafka aufgezeichnet haben. Er veröffentlichte später die Aufzeichnungen ("Gespräche mit Kafka", 1961). Im Film wird er gespielt von Carl Achleitner.

Felice Bauer (1887-1960). Geboren in Oberschlesien (heute Polen). Kafkas lernte sie durch Besuche im Elternhaus der Brods kennen. Er beglückte Felice Bauer zwischen 1912 und 1917 mit hunderten von Briefen. Mit ihr war Kafka zweimal verlobt. Sie flüchtete 1939 mit ihrer Familie nach Amerika und hat einen berühmten Urenkel: Der Musiker Adam Green (1981). Im Film wird Felice Bauer von Irene Kugler gespielt.

Milena Jesenká (1896-1944). Lebte in Prag und war Journalistin und Übersetzerin. Durch das Übersetzen einer Erzählung von Kafka ins tschechische, lernte sie ihn kennen. Daraus entwickelte sich nur eine lose Beziehung. Als Kafka starb, veröffentlichte sie in einer Zeitung einen Nachruf. Sie wurde ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert und starb 1944 an den Folgen einer Nierenoperation. Im Film gespielt von Hana Militka.

Dora Diamant (1904-1952). Geboren in Brzezin (Polen), sie stammte aus einer ultra-orthodoxen, chassidischen Familie (ihr Vater war Rabbiner). Als sie im Jahre 1923 25 Jahre war, lernte sie den 40 Jährigen Kafka lieben und lebte mit ihm bis zu seinem Tod zusammen. Im Film gespielt von Renata Stachowicz-Bryckà.

Max Pulver (1889-1952). Geboren in Bern, studierte Geschichte, Psychologie und Philosophie in Strassburg, Leipzig und Freiburg. Avancierte zu einem bekannten Schrifsteller ("Himmelpfortgasse", 1927). Traf sich mit Kafka und schrieb über ihn ("Erinnerungen an eine europäische Zeit", 1953). Pulver wurde auch als Graphologe (Beschäftigung mit Handschrift und Psychologie) bekannt. Im Film gespielt von Peter Kaghanovitch.

Olga Cesková, Eva Cesková. Sie tragen im Film ein Musikstück aus einem Psalm (Mi ha'iä) und das Lied "Das hebräische Lied" (Maurice Ravel, 1910) vor.

Kateryna Koltsova-Tlusta (1971). Geboren in Kiew, studierte dort Folklore (Musik) und dann 1994 im "Jan Deyl Konservatorium" in Prag. Sie trägt meistens Musikstücke in Ladino, Hebräischer and Jiddischer Sprache vor. Im Film singt sie in der Spanischen Synagoge ein Lied.

Eine Frage, um die sich seit jeher Menschen ranken und zanken, über einen Mythos, Schriftsteller, dessen Stimmung und Verfassung (gemäss Überlieferung, Schriften) fragil war, der aber dennoch mit wachem Geist die/seine Welt genau erfasste und scharf auf Papier presste (manche erfuhren/erfahren seine Welt durch die gelben [Reclam-]Büechlis).

Der Dokumentarfilmer Richard Dindo (Trois jeunes femmes (entre la vie et la mort), Verhör und Tod in Winterthur, Dani, Michi, Renato & Max) zeigt alte und zeitgenössische Aufnahmen, folgt den Spuren Kafkas durch die von Schauspielern vorgetragenen Texte, die aus Briefen und Tage-büchern entstammen (es kommen keine Texte aus Kafkas Büchern vor) und präsentiert stimmungsvolle, musikalisch belegte Intermezzi (von den drei Damen wunderbar vorgetragen). Manchmal lässt sich nur wage erschliessen, ob der gezeigte Raum (Strassen, Gassen, Pfade, Häuser, Zimmer) im Film (von den Erzählern) auch tatsächlich (was wunderbar wäre) begangen wurde, denn nicht immer lässt sich dies durch das von den Schauspielern parallel Vorgetragene ergründen - es fehlen doch Zeit- (zwar durch die Datumsangaben der vorgetragenen Texte vermittelt) und Ortsangaben (nicht jede/r kennt auch Prag). Der Film besitzt einen gemächlichen Rhythmus, die vorgetragenen Texte sind trunken von Traurigkeit (es werden wenig "Lichtblicke", Heiteres aufgezeigt) oder von Bewunderung (es heisst, dass die ihm nahe gestandenen Menschen "verändert" wurden bzw. dass seine Bücher einen verändern - resultierende Konsequenzen? Und welche Begründung liefert die Meinung, dass Kafka jemand "von einer geradezu beängstigende Aktualität" sei?). Dindos Schaffen wirkt, durch die zumeist statischen Kameraeinstellungen, Aufnahmen, die sowohl stilistisch wie technisch ein bisschen angestaubt daherkommen und durch die inszenierten Monologen, eher wie eine in das Medium "Film" eingeschleuste, multimediale Theateraufführung.

Der Film ist weniger eine faktenschwangere Analyse, als eine poetische Suche nach dem Wesen des Menschen "Kafka" und auch eine gefühlsbetonte Widmung (des Autors). Die Antwort wird eher im Nebel eingehüllt bleiben oder womöglich doch, je nach Prä-disposition, zu einer (erneuten) Auseinandersetzung mit Kafka führen.

Ansehen, da man bebildert den Worten aus Tagebüchern wie Briefen und der Musik lauschen kann. Wegsehen, weil Bekanntes und wenig Neues altbacken gezeigt werden. Umsehen, falls man eine etwas andere Sicht auf "Kafka" erfahren möchte.

/ bco