La vraie vie est ailleurs (2006)

La vraie vie est ailleurs (2006)

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  2. 84 Minuten

Filmkritik: La vie est dure sans confiture...

Fromaaaage!
Fromaaaage! © Studio / Produzent

Schweiz, Genf, Bahnhof. Eine Frau reist mit dem Zug nach Marseille, wo sie ihre Forschungsergebnisse an einer Konferenz vorstellen muss, um weitere Unterstützungsbeiträge zu erhalten. Im Zug sitzt sie vis-à-vis von einem jungen Herren, der weder Ticket, Geld noch Ausweis dabei hat, und erst noch in die falsche Richtung fährt. Mit 50 Euro hilft die Forscherin dem Mann aus. Die Hilfe wird bald zu einer doch recht langen gemeinsamen Reise.

Ehrlecher als mänge, wo ne trenkt
Ehrlecher als mänge, wo ne trenkt © Studio / Produzent

Schweiz, Genf, Bahnhof. Ein junger Mann ist auf dem Weg nach Berlin, um seinen Sohn, der soeben - zwei Wochen vor dem eigentlichen Termin - auf die Welt gekommen ist, zu sehen. Doch er wählt die falsche Verbindung und bleibt unterwegs in einem deutschen Bahnhof stecken. Der nächste Zug Richtung Berlin fährt erst am folgenden Morgen um 8 Uhr. Der Wartesaal ist kalt und beinahe leer: Eine etwa gleichaltrige Frau wartet ebenfalls auf ihren Zug gen Osten, Rumänien. Die beiden gehen schon bald gemeinsam auf Entdeckungsreise rund um den Bahnhof.

Schweiz, Genf, Bahnhof. Eine junge Frau hat ihre sieben Sachen (inkl. der Hauskatze) auf den Kofferwagen gepackt und wird von ihren zwei besten Freundinnen zum Zug nach Neapel begleitet. In der Schweiz, mit "nur" einer C-Bewilligung - ihre Eltern sind italienische Staatsbürger und seit 40 Jahren hier wohnhaft - hält sie nichts mehr zurück. Lieber will sie im Süden Italiens ein neues Leben beginnen. Sie muss das (Frauen-)Abteil aus Sicherheitsgründen mit dem Zugschaffner teilen und kommt mit diesem ins Gespräch. Neapel, so stellt der Schaffner fest, biete ausser Dreck, Gestank und schlechten politischen Verhältnissen nichts, und sie solle sich das mit dem "neuen Leben in Italien" nochmals überlegen...

Viel braucht es nicht für einen bemerkenswerten Film: Ein paar gute Ideen, improbegabte Schauspielerinnen und Schauspieler, und ein aufs Minimum reduzierte Technikerteam. Das beweist der Genfer Regisseur Frédéric Choffat mit seinem dreigleisig fahrenden Zugsfilm La vraie vie est ailleurs. Darin erweitert er seinen eigenen Kurzfilm Genève-Marseille, der 2003 in Locarno gezeigt wurde, um zwei weitere heiter bis traurige Episoden auf Spielfilmlänge.

Es sind Geschichten, in denen man sich wiedererkennen kann. Die Angst vor dem Unbekannten, welche am Ort der Bestimmung wartet, führt zu witzigen Zwiegesprächen. Auf dem zugsbedingt engen Raum kommen sich die drei namenlos bleibenden Pärchen auf Zeit näher und lassen die Gefühle sprudeln. Das ganze menschliche Register von Versagerangst über angestaute Wut und bis Mini-Crush kommt vor.

Technisch mussten mit dem beschränkten Budget leider Abstriche gemacht werden. Die Ausleuchtung der Szenen ist nur bedingt kinotauglich. Dafür war man wagemutig mit der Kamera. Eine Plansequequenz in der Unterführung von Genf Cornavin gleich zu Beginn des Films zeugt davon. Und vor allem die "italienische" Episode bringt mit ihren Seitenhieben auf die Gefühlswelt der C-Ausländer in der Schweiz und dem Servicegedanken von TrenItalia so manchen überraschenden Lacher.

Fazit: Mit La vraie vie est ailleurs hat mal wieder einer bewiesen, auf welcher Seite des Röschtigrabens die interessanteren Schweizer Filme gemacht werden.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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