Shut Up & Sing (2006)

Shut Up & Sing (2006)

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  2. 93 Minuten

DVD-Review: 14 Wörter sind das Ticket zur Hölle

Die Staatsfeinde Nummer Eins
Die Staatsfeinde Nummer Eins

Bis ins Jahr 2003 waren die Dixie Chicks die erfolgreichste Frauen-Band der Neuzeit. Ihre Songs kamen zwar aus der Country-Ecke, jedoch waren sie dort die unbestrittenen Stars. Nathalie Maines, Emily Robison und Martie Maguire waren auf dem besten Weg, unsterblich zu werden.

Dann startete der Irak-Krieg. Die Diskussionen um Massenvernichtungswaffen, irakische Diktatoren und der Einsatz der Amerikaner im Krisengebiet. Amerika war Pro-Krieg, die unterstützenden Länder ebenso. Der Rest der Welt war kritisch. Zu dieser Zeit spielte die Band einen Gig in London und Sängerin Nathalie erwähnte da, dass die Band sich schämen würde, dass der amerikanische Präsident, George W. Bush ebenfalls aus Texas käme. Dieser eine Satz war der Anfang eines Skandals, der die Band zum Staatsfeind Nummer Eins machte.

Immer auf die Franzosen!
Immer auf die Franzosen!

In Amerika gingen die Menschen die Wände hoch. "Verräter", "Dixie Sluts" und Übleres wurden die drei Frauen genannt. Die Country-Stationen stoppten ihre Songs, die sogenannten "Fans" vernichteten ihre CDs und die Band geriet in einen Strudel, aus dem es fast kein Entkommen gab.

Nathalie, Emily und Martie versuchten alles Mögliche, dass ihnen aus diesem entscheidenden Satz keinen Strick gedreht wurde. Vergeblich. Und in all diesen Turbulenzen fassten die Mädchen einen Entschluss. Sie wollten einen Stilwechsel wagen. Die Countryszene, die sie so wehement im Stich gelassen hatte, wurde beiseite gelassen und ein neues Abenteuer gestartet. Wohl wissend, dass Amerika ihnen noch keinesfalls verziehen hatte.

Immer wieder gibt es Filme "based on true Events". Walk the Line oder Ray sind solche Beispiele, welche versuchen, einen Einblick in den Alltag einer Band zu werfen. Shut Up and Sing ist hingegen brutale Realität und zeigt wirklich eindrücklich auf, wie eine Band, welche zuvor sehr beliebt gewesen ist, durch die Presse einem gnadenlosen Fleischwolf vorgeworfen wird und die daraus resultierenden Konsequenzen.

Shut Up and Sing startet kurz vor dem schicksalhaften Konzert in London, bei dem Natalie Maines in der Hitze des Gefechtes einen Kommentar gegen Präsident George W. Busch abgegeben hat. In Zeitsprüngen wird erzählt, was die Band damals durchgemacht hat und wie sich diese drei Jahre auf die Arbeit am neuen Album, die Band sowie die Musik ausgewirkt hat. Besonders eindrücklich dabei ist, was für eine ungehemmte Wut ausgelöst wurde und wie massiv die amerikanischen Bürger und die amerikanische Presse auf den Kommentar reagiert haben. Interessanterweise werden diese Hasstiraden im Film nur punktuell eingeblendet und man hat gerade genug Zeit, um die absurden Ausmasse zu erfassen, um sich ein Bild von der damaligen Situation machen zu können. Ausführlich wird hingegen gezeigt, welche emotionalen Auswirkungen es auf die drei Frauen hatte, wie eine Morddrohung den Druck noch mehr steigerte und wie sie versuchten, mit der Situation klar zu kommen.

Shut Up and Sing kommt während seiner ganzen Spielzeit leichtfüssig daher und, obwohl auch sehr ernste Themen und Diskussionen gezeigt werden, wird es immer wieder durch Einspielungen der Musik, witzigen Dialoge oder der Liveauftritte aufgelockert. Dies hält zwar bei Laune und zeigt auch, dass die Dixie Chicks eine klasse Band sind, die Freude an ihrer Arbeit haben, verharmlost aber klar einige sehr ernste Sequenzen. Dennoch ist es sehr eindrücklich, wie eng die Frauen zusammengehalten haben. Selbst unter Bedrohung ihres Lebens folgten sie immer noch dem Prinzip der freien Meinungsäusserung und haben sich schliesslich in eine neue Band geformt, welche an dem Geschehenen klar gewachsen ist. Den angerichteten Schaden haben sie jedoch noch lange nicht verarbeitet.

Fazit: Es gibt viele Banddokumentationen, die aufzeigen wollen, wie es sein könnte, doch wie es wirklich ist, ist immer noch ein ganz anderes Kaliber. Shut Up and Sing versucht dies aufzuzeigen und zu dokumentieren, was aus den Dixie Chicks nach dem kurzen Statement an einer Show geworden ist. Dies ist auch gelungen. Obwohl es abgeschwächt wirkt, ist es immer noch eindrücklich, was für ein Orkan 14 Wörter auslösen und wie drei Frauen einer Countryband plötzlich zum Staatsfeind Nummer 1 werden können. Sehr zu empfehlen.

Die DVD brilliert hingegen nicht so, wie der Inhalt des Filmes. Neben dem Film, der in einer eher körnigen TV-Qualität präsentiert wird, aber wenigstens mit dem Ton überzeugen kann, wird nur sehr wenig geboten. Das Bonusmaterial ist nur ein Trailer und ein 5 Minütiges Interview, welches schwerfällig und träge geschnitten ist und nur noch sporadisch neue Informationen liefert. Da hätte etwas mehr nicht geschadet.

/ db

Kommentare Total: 18

db

Filmkritik: 14 Wörter sind das Ticket zur Hölle

dju010

Die Diskussion ob dies hier einfach billige Promo ist oder einfach uralt finde ich ganz einfach erbärmlich! Insbesondere da ja doch einige anscheinend den Film noch nicht einmal gesehen haben. Der Film ist durchaus aktuell, er endet im Frühjahr 2006 - im Herbst desselben Jahres war der Release in den USA!
Natürlich beginnt der Film 2003, aber er zeichnet halt die ganze Geschichte nach und ist nicht eine "RTL2-Reportage", die in 24 Stunden rasch zusammengeschnitten wurde. Einfach mal ein bisschen denken...
Dann die billige Kritik der Promo - dies hier ist ein Dokumentarfilm. IMDb nennt die Einspielergebnisse in den USA mit etwas mehr als 1.2 Millionen Dollar. Das ist schlicht nichts!! Auch der Umstand, dass der Film auf maximal 84 screens lief, spricht Bände. Immer daran denken wie gross die USA ist. Zum Vergleich Pirates 3 startete schon am ersten Wochenende auf 4,362 Screens - das sind weniger als 2% im Verhältnis.

Also immer mal erst etwas denken und nachsehen, bevor man sich das Maul zerreist...

Zum Film: Ich hatte etwas Mühe mit den ständigen Sprüngen vorwärts und rückwärts. Der Inhalt ist jedoch zutiefst erschütternd. Manchmal erscheint alles etwas zu zerklüftet und ich hatte Mühe mit allem mitzuhalten, aber dennoch vermittelt der Film ein gutes Bild was wirklich abging. Diese Hasstiraden die man da aus den Fernsehausschnitten hört sind ja kaum anzuhören. Was leider nur bei genauerem hinsehen auffällt, ist, dass die Demonstrationen vor den Konzerten nur jeweils eine Handvoll von Leuten ist, während zehntausende in die Hallen strömen. Aber schon nur beim Anblick dieser "Demonstranten" läuft es einem ja kalt den Rücken runter. Wenn sie dann noch das Maul aufmachen, ist man froh, wenn man diesen Leuten nicht begegnen muss.

Wie unvorstellbar das ganze ist, zeigt sich ja dann bei den Morddrohungen. Der Manager sagt ja, dass selbst das FBI hinter den Leuten her ist, weil es so ernst ist. Dafür braucht es dann doch eine Menge. Auch das die Texas Rangers antreten müssen (sind ja so eine Art Elitepolizei in Texas), spricht auch Bände. Die Umsetzung des Konzerts gipfelt ja in allem Unvorstellbaren. Für die Band wird die ganze Strasse zum Stadion abgeriegelt - es wirkt ja völlig gespenstisch. Auch der Umstand, dass die Garderobe und das Make-up in San Antonio sind und die Band dann direkt nach Austin geflogen wird (das sind mehr als 2 Stunden Flugzeit!!), und noch die Metaldetektoren und so - es ist ja völlig unvorstellbar. Was jedoch hervorragend herüber kommt ist, wie abgekapselt die Band von der Welt ist. Sie kriegen alles im Fernsehen mit, aber ohne dabei zu sein. Sie sind letztlich nur Zuschauer im ganzen Geschehen. Erst auf Tour im Ausland, danach mit dem riesigen Polizeischutz.

Der Film zeichnet viel weniger ein Bild der damaligen Situation, als wie die drei Frauen damit umgehen. Das ist die unglaubliche Stärke des Films.
Die Michael Moore vergleiche sind hier ebenfalls fehl am Platz. Es gibt hier keinen voice-over Kommentar zu allem, der den Zuschauer lenken soll. Es sind immer Interviews, die Teilweise im Hintergrund laufen. Das Bild wird uns also nicht erklärt, wir müssen es selbst aufbauen - mit den unkommentierten Bildern und den Aussagen der Protagonisten.

Zur Band an sich, ich mag durchaus einige Tracks der Band, aber sie sind nicht in meinem Standardrepertoire. Und im Film gibt es erstaunlich wenig Musik. Ansatzweise ja, mehr nicht. Wer den Film wegen der Musik nicht sehen will, der kann ganz beruhigt sein. Es gibt nicht so viel zu hören.
Das die Band jedoch sich öffentlich so geäussert hat, war sehr überraschend für mich. Die wirklich ganz grossen Country Grössen melden sich ja nie politisch zu Wort. Natürlich gibt es einige die sich zu Wort melden und dafür auch bekannt sind (wie im Film gezeigt), aber wer von denen hat den schon mehrere CMA Awards gewonnen? Vielleicht mal einen, aber mehr sicherlich nicht. Die andern wissen genau, dass sie nichts sagen können. Und das hat mit der Unterstützung der Republikanern gar nichts zu tun. Wer sich zu weit rechts positioniert, verliert schnell an Unterstützung aus vielen traditionellen Regionen. Ich finde das extrem traurig, weil ich finde jeder sollte eine Meinung öffentlich kundtun können, ohne gleich um ein Leben fürchten zu müssen.

Ich war sehr überrascht vom Stil des Films, aber er zeichnet vermutlich ein sehr echtes Bild. Kommentarlos. Leider zuweilen etwas wirr mit den Sprüngen und dem Schnitt, dennoch absolut empfehlenswert.

pps

Zitat El Chupanebrey (2007-05-20 19:35:03)

Ich denke, so schlecht kann der Film nicht sein. eine Art Frauen-Michael Moore.

Ich glaube nicht, dass der Vergleich wirklich passt. Michael Moore - so unterhaltsam ich seine Filme auch finde - ist doch sehr plakativ, biegt die Tatsache schon mal seinen Argumenten entsprechend zurecht und zieht sehr einfache Schlussfolgerungen, die zwar auf den ersten Blick stimmen, hinterher aber ein "ja, ABER" verdient hätten. Das macht dieser Film hier natürlich nicht. Zum einen sagt der Film ja nicht aus, dass die Dixie Chicks superpolitisch aktiv sind, alles besser wissen und total recht haben, ganz im Gegenteil. Es wird immer wieder betont, dass der Ausspruch zwar sehr wohl von Herzen kam, aber so was beiläufiges war, das man halt so sagt, was dann von den Medien total instrumentalisiert wurde, und der ganze Film handelt dann ja davon, wie es die Chicks beeinflusst hat, wie die "Fans" und Countryradiosender sie fallen gelassen haben und was sie dagegen unternommen bzw. wie sie darauf reagiert haben.

Was den Film vor allem auszeichnet, ist der Humor ("We've returned to the scene of the crime!") und die klar sichtbare kämpferische Einstellung der Chicks. Da werden Frauen gezeigt, die Karriere und Familie unter einen Hut bringen, Musik machen und sich dazu entschliessen, sich nicht für andere zu verbiegen, um wieder everybody's darlings zu werden. Vor allem Natalie Maines, die klar als starke, wenn auch sicherlich nicht immer einfache Persönlichkeit herüberkommt, zeigt, dass sie sich nicht für die Industrie und die Konservativen Fans prostituieren will, um wieder überall geliebt zu werden, und das ist doch sehr sympathisch.

(That said: Adrian Pasdar ist einfach toll! Der hätte ruhig mehr vorkommen können!)

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Trailer Englisch, 02:30